Zum Inhalt springen

Artikel

Der »Weg durch den Fisch« - Über Architektur und Klettern

Am 29.04.2007 avancierte der Tiroler Hansjörg Auer zum Shootingstar der Kletterszene, weil es ihm gelang, in nur knapp drei Stunden den »Weg durch den Fisch«, eine Route im höchsten Schwierigkeitsgrad in der Südwand der Marmolada, im Free Solo zu durchsteigen, also ohne Hilfsmittel und Sicherung. Mit diesem Husarenstück sprengte er die Vorstellung dessen, was machbar ist. Für den Architekturtheoretiker Sanford Kwinter ist das Klettern eine Architektur, bei der an die Stelle der Typologie die Topologie der Form tritt, die von Tendenzen und Richtungen vektorieller Kräfte bestimmen wird. Architektur ist für ihn Praxis und Technik in einem dynamischen Feld von Ereignissen, das von Bewegung, Komplexität, Zeit und Objekten geformt und von spezifischen Regimen beherrscht wird. In seinem Essay »The Complex and the Singular« macht Kwinter den Kletterer zur paradigmatischen Figur unserer Zeit und zum Protagonisten einer zeitgemäßen Theorie von Form und Innovation. Der Autor entwickelt auf dieser Grundlage von Kwinters Text das Konzept einer kulturellen Topologie. Damit beschreibt er Operationen, Funktionen, Attribute und Dynamik der Kultur als Matrix von Veränderungen und zeigt die Relevanz des Konzepts für die Architektur.
12.07.2024

Beweise für die Sichtbarkeit. Über die Fotokunst von Thomas Ruff

Thomas Ruff schafft mit seiner Fotografie kein Abbild der Welt, sondern reflektiert ästhetisch und wissenschaftlich das Medium der Fotografie. Er lotet die Grenzen der Fotografie aus, in welchem Kontext sie auf welche Weise funktioniert. Nicht das einzelne Bild interessiert ihn. Statt einfach mit einem Bild zu starten und seine Bedeutung Bild für Bild weiter auszubauen, benutzt er die Serie, um das Einzelbild zu relativieren. Er konstruiert nicht mehr, sondern de-konstruiert. Im Operationsraum der Serie erkundet er die unterschiedlichsten Genres und Spielarten der Fotografie und führt sie an ihre Grenzen. Seit etwa zwei Jahrzehnten nimmt er kaum noch selbst eine Kamera zur Hand sondern verwendert für seine häufig großformatigen Bilder fotografisches Material, das er in Archiven oder im Internet findet. Im Fall der »nudes« verleiht er dem pornografischen Material aus dem Internet mit Weichzeichnern eine malerische Qualität. Die Serien ruhen nicht einfach in sich. Die einmal gefundene künstlerische Strategie der »nudes« wendet Ruff auf den Barcellona Pavillon von Mies van der Rohe an und stellt so dem Paradigma der Transparenz die Ungenauigkeit der Fantasien, Projektionen, Träume und Sehnsüchte gegenüber ...
09.09.2023

Sensemaking Machine - Paranoia, Surrealismus & Künstliche Intelligenz

Der Paranoiker ist die paradigmatische Figur der Gegenwart. Er stellt Beziehungen her zwischen einem flüchtigen Blick und dem Weltganzen. Er findet Verknüpfungen dort, wo vorher keine waren. Das ist eine gute Definition für die paranoische Grundstimmung unserer Zeit, aber auch für die Künstliche Intelligenz, deren Bilder »schön sind, wie das zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch«, so der berühmte Satz, den die Surrealisten so sehr liebten. Der Autor nimmt die im Internet kursierenden »surreal images« zum Anlass, um die unerwartete Nachbarschaft von Surrealismus und ökologischem Denken in den KI-generierten Bildern zu reflektieren. In diesen Bildern findet er nicht nur zentrale Konzepte und Techniken des Surrealismus, sondern auch eine »originale Syntax«. Jacques Lacan bezeichnet damit den Zusammenhang von Paranoia und Theorie, also eine ganz eigene Art der Herstellung von Wissen über die Welt, eine paranoischen Analytik, die kulturellen Vorurteile und Verzerrungen einer Gesellschaft beinhaltet, die sich selbst im Spiegel sieht. Wie entkommt man einer kritischen Praxis, die dem Verdacht eine methodologische Schlüsselrolle zugesteht? Der Autor findet in den Gedanken der Queerdenkerin Eve Kosofsky Sedgwick den Schlüssel für eine kritische Neubewertung unserer digitalen Kultur. Auf der Suche nach »reparativen Praktiken, die paranoide kritische Projekte durchdringen« (Sedgwick) öffnet er einen Raum, in dem wir uns von der festgefahrenen Frage ‹Ist KI Kunst und wie können wir das feststellen?› wegbewegen können, um uns einer anderen Fragen zu widmen: Was kann KI-Kunst?
17.07.2023

Asmarina, Asmarina

Es ist viel geschrieben worden in den letzten Jahren über Asmara. Mit Leichtigkeit, Scharfsinn und Sensibilität und oft auch mit einem Gespür für das Schicksal der Menschen. Die Stadt taucht in einem Kaleidoskop von Bildern und Erzählungen auf. Vom „Charme des Maroden“ ist die Rede, vom Déjà-vu-Erlebnis, das sich einstellt, wenn man einen Ort besucht, der sich seit der Zeit seiner Entstehung kaum verändert hat. Von der wunderbaren Architektur sowieso. Der Mix aus Moderne und Nostalgie fasziniert die Menschen. Der Zauber des Ortes kann aber auch in einen Teufelskreis führen, wo selektive Wahrnehmung der Vergangenheit die aktive Gestaltung der Gegenwart blockiert. Die schönen Fassaden Asmaras können die Probleme des Landes nicht verbergen.
17.05.2023

SO, WIE WIR LEBEN. Über die Fotokunst von Iwan Baan

Eine Ausstellung des niederländischen Fotografen Iwan Baan trägt den Titel »The Way We Live«. Er zählt zu den weltweit einflussreichsten Architekturfotografen der Gegenwart und ist dafür bekannt, dass er den Menschen in den Mittelpunkt stellt und mit ihm die Frage: Wie leben wir zusammen? Baan interessiert sich für Orte und öffentliche Räumen und für das, was Menschen dort machen. Er hört auf andere Stimmen, nicht weil sie exotisch sind oder weit hergeholt, sondern weil sie zeigen, wie schwierig es sein kann, Selbstverständliches ins Auge zu fassen und die Verwirrungen, die entstehen, wenn Menschen Gebäude bewohnen. In einer Zeit, in der die Politik Verzweiflung hervorruft, scheint es angebracht, unsere Aufmerksamkeit erneut auf die Art und Weise zu richten, wie wir unsere Welt bewohnen. Wie und durch welches Medium sollen die Orte dargestellt werden, an denen sich die Menschen treffen, um ihre Anliegen zu besprechen? Wie holt man das Leben in die Architektur zurück?
05.05.2023

Mezzédimi - Der Architekt des Kaisers

MEZZÈDEMI folgt den Spuren des italienischen Architekten Arturo Mezzèdemi, der unter der Herrschaft des letzten äthiopischen Kaisers Hailé Selassié eine außergewöhnliche Kar-riere machte. Der Film handelt von der Vergänglichkeit von Orten, Geschichten und Geschichte, dem prekären Status des Lebenswerks, vom Pathos und Scheitern der Moderne in Äthiopien und der Dekolonisierung unseres Blicks auf Afrika. So entsteht über vier Dekaden ein spannendes Thema in seiner Entwicklung, bei dem der Kaiser das leere Zentrum mar-kiert und die Architektur zur »écriture testamentaire« wird, affiziert von den Toten ...
05.05.2023

Vitruvs Ameisenmühle

Man sagt, Vitruv habe als Erster den technologischen Diskurs codiert und eine Sprache dafür geschaffen. Seine Vergleiche zwischen dem Mechanischen und dem Natürlichen führen weit über die Analogie zwischen dem Kosmos und dem mechanischen Modell dafür hinaus. Vitruvs Maschinen beinhalten den Entwurf eines Raumes, in dem Wind, Wasser und Architektur kommunizieren. Sie führen uns zur Einsicht, dass es einen einzigen und unmittelbaren Kommunikationsraum nicht geben kann, weil sich der “logos” immer aus heterogenen Elementen zusammensetzt. Wie stellt man das Undarstellbare dar? Mit welchen Ereignissen lässt sich eine Ordnung überhaupt finden? Antworten auf diese Fragen liefert die originelle Philosophie der Anfänge und Vielheiten von Michel Serres, die dazu einlädt, Vitruvs Traktat neu zu lesen. Dieses Denken setzt nicht auf perfekte Symmetrien und Gleichgewichte, auf Ordnung, Organisation und Wissen, sondern auf Chaos, Verzweigung und Intuition. Es folgt dem Flug einer Fliege, den Wasserkräuseln und den Spuren von Ameisen...
04.05.2023

Territorien am Rande des Nervenzusammenbruchs

Dieses Buch ist eine Art »Ambi-Balance« gegen die Zerreißproben unserer Zeit und ihren Erschöpfungszustand. Peter Volgger widmet sich den »Territorien am Rande des Nervenzu-sammenbruchs«, die er in unterschiedlichen Bereichen (Ökologie, Freizeit, Migration, Green Deal, Hypertourismus usw.) findet. Diese Territorien affizieren Räume und Subjekte und erwecken den Eindruck, irgendwie aus dem Gleichgewicht geraten zu sein. In acht Essays arbeitet Volgger Verhältnisse spekulativ um und eröffnet Möglichkeitsräume.
17.03.2023

Guattari`s Bat – Designing an Ecology of Care

The twenty-first century has become an arena of struggle between two seemingly opposing forces: unstoppable technical progress on the one hand and the growing awareness of ecological crisis on the other. Félix Guattari's unfinished concept of ecosophy suggests a theoretical framework for constructing productive syntheses between the ecological and the digital. MAEID, the office for architecture and transmedia art run by Daniela Mitterberger and Tiziano Derme, takes up Guattari’s thoughts, creating performative, 3D-printed, ground-robot gardens, redefining the role of living systems in architecture.
12.02.2023

Die Vermessung des öffentlichen Raums. Über die Fotokunst von Jules Spinatsch

Der Schweizer Fotokünstler Jules Spinatsch stellt seine Kamera auf im Stadtrat von Toulouse, beim Weltwirtschaftsforum in Davos, in einer Jugendvollzugsanstalt, im Headquarter von SAP, in der Frankfurter Börse, im Wiener Opernball oder in einem Fußballstadion. Damit macht er klar, dass Politik und Ökonomie auch im Zeitalter der Digitalisierung noch an identifizierbaren Orten stattfinden.
09.02.2023

Seite 1 von 4