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Asmarina, Asmarina

Zuerst veröffentlicht in: Modulor 3/23

Die Gegenwart der Vergangenheit

 Asmara ist bekannt geworden als eine der „vollständigsten und intaktesten Sammlungen modernistischer […] Architektur der Welt“. Novecento, Art déco, Neo-Klassizismus und Architektur im Stile des italienischen Rationalismo und Futurismo bestimmen das Erscheinungsbild der Stadt. Zum Ensemble gehören Fabrikgebäude, mondäne Kinos wie das Odeon, das Cinema Roma oder das Cinema Impero, die Crispi Bar, die Zilli-Bar oder das Selam Hotel, die vielen Villen mit ihren bunten Gärten, Gebäude, die wie am Asphalt gestrandete Ozeandampfer aussehen oder etwa ein Häuserzug in der Mai Bela Straße, der als steinerne Lokomotive auf die Hauptstraße zurollt. Einige Gebäude haben längst den Status von Ikonen, so zB. die futuristische Fiat-Tagliero-Tankstelle, die wie ein Flugzeug gerade vom Boden abhebt. Auch die wunderschönen Kakteenwälder am Rande der Stadt sollte man nicht vergessen, den italienischen Friedhof und die ursprünglichen indigenen Viertel. Seit 2017 gehören auch sie zum Weltkulturerbe. Die meisten Gebäude Asmaras stammen nicht - wie oft behauptet - von Architekten, schon gar nicht von den damaligen Stars der Szene. Weil es in den italienischen Kolonien an Architekten fehlte, sprangen die „geometri“ und „ingenieri“ ein. Arturo Mezzèdemi war einer von vielen, die „Amerika in Afrika suchten“. Als Achtzehnjähriger kam er nach Asmara, fast genau ein Jahr, bevor die meisten Italiener schon wieder das Land verließen. Er gehörte zu den italo-eritrei, jenen knapp 17.000 Italienern, die in Eritrea blieben. Im Mutterland wollte man die Schattenseiten des kolonialen Abenteuers so schnell wie möglich vergessen. Dort kultivierte man den Mythos der „italiani brava gente“. Bis sich junge Historiker dem „Afrika im Bewusstsein der Italiener“ zuwandten, den Erinnerungen, Mythen und Irrtümern.

In Asmara sieht alles so aus wie die Kulisse für einen Dolce-Vita-Film. Sogar die Steckdosen passen ins Bild. Wer dorthin kommt, erlebt eine Zeitreise.Wer es auf der rostigen Leiter bis auf das Dach der ehemaligen Casa del Fascio schafft, genießt den einzigartigen Blick auf die von Palmen gesäumte Harnet Avenue. In der Prachtstraße von Asmara trifft man auf ältere Herren, die ein paar Brocken Italienisch sprechen. Unterhält man sich mit ihnen, so erfährt man einiges über die »Regina Margherita«. Damit meinen sie weder die Pizza noch etwas aus dem Italien der Gegenwart. Vielmehr erinnern sie sich an Geschichten, die sie von den Klosterschwestern der scuola italiana hörten. Diese Asmarini machen im adretten Anzug ihre obligatorische »passeggiata«, sie trinken vor dem Cinema Roma ihren Cappuccino und zelebrieren einen urbanen Lebensstil im bitterarmen Land. Es ist eine Form von Mimikry. Asmara ist ein Ort der unausgesprochenen Vergangenheiten, die die Gegenwart heimsuchen. Die italienische Kolonialzeit ist oftmals noch gegenwärtig. Lokale tragen gelegentlich italienischsprachige Namen wie Bar Vittoria, Ristorante Roma oder Pasticceria Moderna. Inschriften auf den Kanaldeckeln erinnern an die faschistische Herrschaft. Der Eingang zur Casa degli itaiani wird von Liktorenbündeln flankiert. Im Albergo Italia verkauft ein Herr Münzen mit dem Konterfei Mussolinis. Die Prachtstraße Asmaras, ist ein lebendiges Archiv, das das Kommen und Gehen der Kolonialmächte - Italiener, Briten, Äthiopier - gespeichert hat. Aus dem Viale Mussolini der faschistischen Herrschaft wurde in der Zeit der britischen Besatzung die Queen Victoria Avenue. Nachdem die UNO 1950 unilateral auf einer Föderation Eritreas mit dem Kaiserreich Abessinien bestand, wurde die Autonomie des Landes Stück für Stück aufgehoben, bis 1961 Eritrea faktisch zu einer Kolonie Äthiopiens wurde. Damals hieß die Straße Emperor Hailé Selassié Avenue zur Ehre des äthiopischen Kaisers. Nach seinem Sturz hieß sie National Avenue. Erst seit der Unabhängigkeit des Landes (1991) trägt sie den Namen Harnet Avenue. Auf der Straße wird der post-kolonialen Raum ausverhandelt.

[ganzer Artikel: Modulor 3/23]