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»Das Enigma der KI-Kunst« - Man Ray & Trevor Paglen

Man Ray: »Das Rätsel des Isidore Ducasse«

Die Künstler des Surrealismus suchten nach alternativen Medien und künstlerischen Methoden, um die Fesseln von Logik und Rationalität zu sprengen. Sie nutzten neue Medien dafür, um ganz subjektiv aus den Sphären von Traum, Vision und Fantasie zu schöpfen. Heute sind die »surreal images« längst schon in der Welt der »bits and bytes« angekommen. KI-Künstler und Surrealisten teilen das Interesse für automatisierte Prozesse in der Medienproduktion. Bildverarbeitungsmodelle der KI erleben die Welt aber nicht so wie wir. Sie bilden eine verzerrte Version von ihr nach und erzeugen Bilder, die als »surreal« erscheinen. Die Trainingssets der künstlichen Intelligenz liefern beunruhigende Allegorien unserer Welt. Sie bestärken uns im Glauben, bestimmte neuartige Dinge könnten wirklich existieren, obwohl wir sie nicht sehen können, wie zB. maschinen-halluzinierte Bilder oder ganz andere Arten des Sehens mit Maschinen. Die Arbeit des bekannten KI-Künstlers Trevor Paglen dokumentiert, dass Abstraktion, Mystifizierung und Geheimnis auch in der KI-Welt integraler Bestandteil ist. Es gibt einen Grund, warum Daten und Datenverarbeitung nicht sichtbar sind.

Im Folgenden geht es darum zu zeigen, dass in den Arbeiten des Surrealisten Man Ray und des KI-Künstlers Trevor Paglen das »Rätsel« -Verbergen und Offenbaren - eine wichtige Rolle spielt iund was sich daraus für das Verhältnis von Kunst und KI ablesen lässt.

Verhüllung & Sichtbarmachung

Nirgends sonst in der Kunst wurde das Verhältnis von Rätsel und Offenbarung so explizit behandelt wie im Surrealismus. Die Künstler erkannten in Okkultismus, Mythos und Spirtualität das Wirken unsichtbarer Kräfte. Breton forderte im Zweiten Manifest der Bewegung sogar die »Okkultisierung der Kunst«. Er sah den Surrealismus als

»[...] schwindelnde[n] Abstieg in uns selbst, die systemantische Erhellung verborgener Ort und die progressive Verfinsterung anderer, ein ständiges Wandeln auf streng verbotenem Terrain.«

Als Beispiel dafür erwähnt Salvador Dalí in einem seiner Texte eine Arbeit von Man Ray, die Gegenstände geheimnisvoll verberge:

»Das Halbdunkel der ersten Phase surrealistischen Experimentierens wollte enthüllen, einige kopflose Schaufensterpuppen und ein verpacktes und mit Schnur umwickeltes Gebilde, das, unidentifizierbar und äußerst verstörend, auf einer Fotografie Man Rays erscheint«.

Man Ray schuf das Werk im Jahre 1920. Es trägt den Titel Das Rätsel des Isidore Ducasse und war bereits auf der ersten Seite der ersten Ausgabe von Le révolution surréaliste zu sehen. Bei diesem frühersten Beispiel der Objektkunst ist der Akt des Verpackens entscheidend. Seit seiner ersten Ausstellung wird das Kunstwerk begleitet von der Frage:

Was verbirgt sich unter dem Filz? Einen möglichen Hinweis liefert ein vom Künstler selbst verfasster Begleittext, in dem er auf die Bedeutung des Traums für den Surrealismus eingeht. Das mysteriöse Objekt verdeutliche die Vision des Surrealisten von dem, was jenseits des rationalen Verständnisses der Normen und der Realität liegt. Was bringt der Künstler damit ins Spiel? Gibt es etwas, was vor ihm noch nicht zu Wort kam, weil es (systemisch) nicht gedacht werden konnte? Was ergibt sich aus dem Verhältnis von Verbergen und Sichtbarmachung?

In der Literatur findet man den Hinweis darauf, dass hinter dem Pseudonym Isidore Ducasse der Comte de Lautréamont steckt, der Verfasser der Gesänge des Maldoror. Vom Comte de Lautréamont stammt der berühmte Aphorismus:

»Schön wie die zufällige Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch.«

Der »Großvater des Surrealismus«, wie er häufig genannt wurde, gilt als Urheber des écriture automatique, für die sich auch Man Ray begeisterte. Er schuf Bilder ganz ohne Kamera, indem er Objekte und Licht auf lichtempfindlichem Papier manipulierte. Seine »Rayographie« kam quasi automatisch zustande. Ein Foto von Man Ray zeigt die legendäre Anordnung der Nähmaschine und des Regenschirms auf dem Seziertisch. Für viele Interpreten ist das die Lösung des Rätsels: Unter dem Filz verbergen sich die Nähmaschine und den Regenschirm!

Ist das Rätsel damit gelöst?

Die Titel, die die Surrealisten ihren Werken gaben, tragen in der Regel nicht zur Aufklärung bei. Im Gegenteil, häufig setzten Künstler bizarre Titel ein, um das Motiv rätselhaft wirken zu lassen. Man Ray fordert mit seinem Titel den Betrachter lediglich dazu auf, dem Aphorismus des Comte de Lautréamont nachzuspüren, er lässt aber keinen Blick auf Formen zu, die sich auf konkrete Gegenstände zurückführen lassen.

»Eine abgesicherte Realität, deren naiver Zweck für alle geklärt zu sein schien (der Regenschirm), findet sich auf einmal in der Gegenwart einer anderen, weit entfernten und nicht weniger absurden Realität wieder (die Nähmaschine), an einem Ort, an dem sich beide heimatlos fühlen (dem Seziertisch), und entkommt auf diese Weise ihrer Bestimmung und ihrer Identität; sie geht aus der Falschheit, über neue Bezüge, in etwas absolut Neues über, poetisch und wahr.«

Man Ray macht aus dem verdeckten Objekt ein Rätsel, eine beunruhigende Präsenz. Wer unter der Verhüllung die Nähmaschine und den Regenschirm erwartet, geht eine imaginäre Beziehung mit dem Kunstwerk ein. Sobald es um die Beziehung von Anwesenheit und Abwesenheit geht, operiert das Werk aber nicht mehr nur auf der imaginären, sondern auf der symbolischen Ebene. Die Abwesenheit ist im Symbolischen ebenso existent wie die Anwesenheit. Bei einer Vase, sie leer ist, ist das Nichts selbst ein Objekt. Weil sich etwas um die Leere herum organisiert, entsteht das Thema der Latenz. In der Kunst spielten Phänomene des Verbergens, Verdeckens, des Verzögerns und der Invisibilisierung immer schon eine wichtige Rolle.

Vor diesem Hintergrund bleibt es bei dem verhüllten Objekt dabei, dass weniger ein Regenschirm und eine Nähmaschine als Inhalt ausschlaggebend sind, sondern vielmehr die Tatsache, dass aufgrund der Verhüllung ein Objekt zum Verschwinden gebracht und als ein fremdes Etwas zur Erscheinung gebracht wird. Bei den Surrealisten verweist die Verhüllung zugleich auf die Enthüllung.

Verhüllung und Offenbarung - ist das auch ein Thema in der Welt der Algorithmen? In der algorithmischen Kultur, die den überlieferten Sinn der Kunst (und des Ästhetischen) verschiebt, erhält Man Rays »Rätsel« eine neue Relevanz. Algorithmische Maschinen sind nicht mehr Ausdruck der Welt, sondern eigenständige Erfassungsmaschinen. Sie sind kein Ausdruck des Seins, sondern eine mediale Bedingung dafür. Medien sind keine Attribute von etwas, sondern sie sind selbst etwas. Das »Rätsel« ist das nicht Fassbare und nicht Reduzierbare.

»Daher gilt es Abstand zu nehmen von der Vorstellung der medialen Artikulation (menschlichen) Ausdrucks oder der ästhetischen Macht der Medien zur Affektmodulation; stattdessen sollten wir uns die epochale Transformation ansehen, die zum Regime einer allgemeinen Ästhetik in Begriffen von Immanenz geführt hat. Man vergisst leicht, dass die Medien selbst nicht mehr länger sind, was sie einmal waren, dass die Kybernetisierung der Medien sie in Erfassungsmaschinen des Unartikulierbaren und Unrepräsentierbaren verwandelt hat.«(Parisi)KI-Künstler haben mit

Was ist mit der »epochalen Transformation« gemeint?

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