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Die Vermessung des öffentlichen Raums. Über die Fotokunst von Jules Spinatsch

Peter Volgger

Der Schweizer Fotokünstler Jules Spinatsch stellt seine Kamera auf im Stadtrat von Toulouse, beim Weltwirtschaftsforum in Davos, in einer Jugendvollzugsanstalt, im Headquarter von SAP, in der Frankfurter Börse, im Wiener Opernball oder in einem Fußballstadion. Damit macht er klar, dass Politik und Ökonomie auch im Zeitalter der Digitalisierung noch an identifizierbaren Orten stattfinden. Die bildhafte Vermessung der Orte - seine »semi-automatische Dokumentation« - orientiert sich an den Typologien von »Panorama« und »Panopticon«, die Spinatsch zum Teil des kollektiven Gedächtnisses macht und in ihren Gegenwartsbezügen reflektiert. Was sagen die Panoramenbilder des Künstlers über den Zustand des öffentlichen Raumes und der Demokratie aus? Sind eine Alternative zum Verfall des öffentlichen Raums?

Eric Hobsbawn nannte die Jahre des Wiederaufbaus zwischen dem Zweiten Weltkrieg und der Ölkrise »The Golden Years«. Auch Colin Crouch, der mit seinem Buch »Postdemokratie« über Nacht zum Shootingstar wurde, vertritt die Meinung, unmittelbar nach dem Krieg seien die eigentlichen Jahre der Demokratie gewesen. Heute sind seiner Anhänger mehr und mehr von der These überzeugt, die Demokratie sei auf dem Weg zum Potemkin’schen Dorf. Dass sich die westlichen Gesellschaften auf dem Weg Richtung Postdemokratie befinden, steht für den Soziologen außer Zweifel. Die Verun-sicherung ist groß, mit den multiplen Krisen kehren Lebensängste zurück, von denen eine ganze Generation nichts mehr wusste. In gesellschaftlichen Diskussionen sind Begriffe wie Fake News, Anti-Politik, Populismus und Autokratisierung der Reibebaum. Viele sehen die Welt an einem Wendepunkt der Geschichte angelangt. In Zeiten der Krise, so hört man oft, ziehen Gesellschaften Bilanz und öffnen sich für Veränderungen. Es ist sehr verbreitet, das Ende aller Krisen vorherzusehen, bzw. daraus abzuleiten, was jetzt politisch zu tun sei. Bevor wir aber den Konflikt vom Ende her denken und uns auf den Weltuntergang vorbereiten, sollten wir uns bewusst werden, dass die Krisendiagnose - zumindest, was die Demokratie betrifft - überzogen ist …