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»Halluzinierende Maschinen« - KI, Gestalttheorie & Surrealismus

Inhalt

Zurück zur Gestalttheorie?

I Gesichter sehen

Rudolf Arnheim: »Kunst und Sehen« (1954)

Trevor Paglen: »The Shape of Clouds« (2017)

II Maschinen, die sehen

Microsoft, TU Delft, Mauritshuis & Museum Het Rembrandthuis:

»The Next Rembrandt« (2016)

Mario Klingemann: »Memories of Passersby I« (2019)

III Halluzinierende Maschinen

Ivan Echeverría: »Lego faces« (2020)

Salvador Dalì: »Paranoia« (1936)

Zurück zur Gestalttheorie?

Auf dem Dartmouth Workshop (1956) wurde zum erstem Mal der Begriff »künstliche Intelligenz« verwendet und zugleich zwischen zwei Arten dieser Intelligenz unterschieden. Norbert Wiener, der als der Begründer der Kybernetik gilt, war davon überzeugt, dass man Gestaltprozesse in ihre Bestandteile auflösen könne. Die »atomistische« Position, die im Wesentlichen mit der »symbolischen« KI übereinstimmt, geht davon aus, dass das Denken eine Manipulation von Symbolen sei und

»(...) that thinking and computing are radically the same.«

Die für die Debatte der folgenden zwei Jahrzente bestimmenden Schlüsseltexte machen klar, dass sich der Mainstream in die Richtung der Kybernetiker und Programmierer bewegte und dass alles um das Thema der Mustererkennung durch Maschinen kreiste.

Auf der anderen Seite standen die Anhänger der »sub-symbolischen« KI, vertreten durch die Gestalttheoretiker und -psychologen, die meinten, Maschinen und Menschen würden sich grundsätzlich nicht auf gleicher Ebene behandeln lassen.

Max Wertheimer, Wolfgang Köhler und Kurt Koffka hatten sich schon in den 1920er Jahren mit den Fragen der menschlichen Wahrnehmung und Kognition beschäftigt. Ihre Theorie galt als radikal, weil sie sich vom Positivismus in der Psychologie lossagten. Im Jahr 1943, als einer der ersten elektronischen Universalrechner (ENIAC) das Licht der Welt erblickte, kritisierte Wertheimer in seinem Buch Productive Thinking den logischen Reduktionismus:

»Traditional logic is not so much concerned with the process of finding the solution. It focuses rather on the question of correctness of each step in the proof.«

Gegen die Prämisse der Formalisierbarkeit menschlicher Eigenschaften stellte Wertheimer die »verkörperte Kognition« und Fähigkeiten wie »Intuition« oder »Einsicht« des Menschen. Das menschliche Hirn neige von Natur aus dazu, kleinere Elemente zu einem vollständigeren Bild zusammenzufassen, um »Ordnung zu finden und zu schaffen«. Der fundamentale Unterschied zum »Atomismus« ist die Reihenfolge, in der Ganzes und Teile folgen:

Das Anschauungsobjekt wird zuerst als einheitliches Ganzes wahrgenommen und erst dann in seinen Teilen.

Mit dieser Aussage vertritt die Gestalttheorie eine »holistische« Position, die sich mit folgenden Worten zusammenfassen lässt:

»Es gibt Ganzheiten, deren Verhalten nicht durch das ihrer einzelnen Elemente bestimmt wird, sondern deren Teilprozesse selbst durch die intrinsische Natur des Ganzen bestimmt sind.«

Die Gestalttheoretiker stellen dem Konzept des Musters jenes der Gestalt entgegen. Rudolf Arnheim geht in Visual Thinking (1969) auf den »spontaneous grasp of pattern« bei Menschen ein. Der Computer könne nicht spontan sein, also »gar nicht wahrnehmen, sondern lediglich sehen«. Arnheim machte nicht den Fehler, etwas im menschlichen Geist Einzigartiges oder Substanzielles zu postulieren. Er leugnete auch nicht, dass die menschlichen Eigenschaften einst künstlich modelliert werden könnten (meinte aber auch, dass das sein Argument nur stärken würde). Den Gestalttheoretikern waren nicht weltfremd. Sie wandten sie sich der Neuropsychologie, Physik, Chemie, Kybernetik zu und nahmen Feld- und Chaostheorie, sowie die nicht-lineare Dynamik in ihre Theorie auf. Daraus entstand ein Modell der Wahrnehmung als »freier Interaktion von Feldkräften«.

[…]

Hier findet man den vollständigen Text