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Sensemaking Machine - Paranoia, Surrealismus & Künstliche Intelligenz

INHALT

I_ Eine reparative Lektüre der KI-Kunst

Die KI wird verdächtigt.1 Einige Kritiker meinen, sie führe zum Ende der menschlichen Kreativität, andere, sie sei nur mimetisch und zu keiner Vision fähig. Die KI-generierten Bilder sind Ausdruck der Vorurteile, Klischees und Mythen jener Gesellschaft, in der sie entstehen. Wir können die Machtstrukturen aufdecken, in denen sie entstehen und die Manipulation der Algorithmen. Aber was wissen wir damit, was wir nicht davor schon wussten? Sobald es um den Einfluss neuester Technologien auf die Kunst geht, operiert die Kritik der KI mit paranoiden Lesarten. Wer von der KI-Kunst fordert, sie müsse »Regeln sprengen«, »kreativ« sein oder »visionär«, folgt »weit verbreiteten kritischen Gewohnheiten, die inzwischen beinahe zum Synonym mit der Kritik selbst geworden sind«, meint die Queertheoretikerin Eve Kosofsky Sedgwick. Sie schlägt eine post-kritische Position vor, die sie »reparatives Lesen« nennt. Damit meint sie keine Position »nach« der Kritik im temporalen Sinne, sondern »to alow the creative, innovative, world-making aspects of criticism«. Das reparative Lesen suggeriert die Möglichkeit, Elemente des intellektuellen Ballasts abwerfen zu können und sie aus ihren überdeterminierten historischen Beziehungen zu lösen. Der Entwurf einer »reparativen Ästhetik« öffnet einen Raum, in dem wir uns von festgefahrenen Fragen an die Kunst wegbewegen können.

II_ Surrealismus & KI

»[...] paranoid delusion becomes artistic illusion.«

Neben dem Revival des paranoic style spielt die Wiederkehr des surrealistic style in der KI-generierten Kunst eine wichtige Rolle. Die Paranoia wurde von den Surrealisten hochgehalten, sie floss in zentrale Techniken der Kunstströmung ein und wurde zur Methode. Zentrale Techniken der Surrealisten kehren in der KI-Kunst wieder. Damit ist nicht nur der Automatismus gemeitn. Die Arbeit der Algorithmen führt zu Überraschungen, was die Phantasie der KI-Künstler anregt, die Bildsprache der KI ist oft exzessiv, sie lässt Gren­zen verschwim­men, verdreht die autonomen Bildteile zu eigenwilligen Kompositionen und beschwört das Unsicht­bare herauf­. Der Neo-Surrealismus schlägt sich aber nicht nur in ästhetischen Effekten nieder, sondern ermöglicht die Einübung paranoider und reparativer Strategien. Paranoid ist der Surrealismus per se. Reparativ ist seine Wiederkehr in einer Zeit, die fest daran glaubt, man könne alles formalisieren. Aktualisiert die KI-Kunst lediglich Netzwerke oder führt sie über das Bestehende hinaus? Ändert sich mit ihr unser Verständnis von Kreativität grundlegend? Wird sie schön, irrsinnig und extrem genug sein, um die unbegreifliche Wirklichkeit zu schildern? Wird die KI-Kunst jemals an sich selbst zweifeln können?

III_ Entwurf einer reparativen Ästhetik

Die KI-generierten Bilder beinhalten implizite Thesen über die Welt und damit eine Form der »historischen Sensibilität«. Sie greifen zentrale Themen unserer Zeit auf. Der Autor nimmt die »frappierenden Wahlverwandtschaft« von Ökologie und Surrealismus in den KI-generierten Bildern zum Anlass für eine kritische Neubewertung der digitalen Kultur und der Rolle der Kunst in ihr. Er betrachtet die KI-generierten Bilder als Formen der Weltartikulation (seien sie nun wahnhaft oder nicht) und Spielarten einer paranoischen Analytik der Welt. Diese Bilder offenbaren nicht nur das Umweltbewusste der Gesellschaft, die sich selbst im Spiegel sieht, sondern machen deutlich, wie deren kulturellen Vorurteile und Verzerrungen in die Systeme eingelagert sind. Der Text bleibt nicht bei der Frage stehen: Welche ästhetischen Effekte und welches spezifische Verständnis und Wissen von der Welt bringt die KI -Kunst hervor?, sondern fragt: Worauf reagieren ihre ästhetischen Strategien und woran versagen sie?

Die KI-generierten Bilder erlauben einen Blick auf dies sich ändernden Konzepte von Kultur und Natur in einer Zeit des drohenden ökologischen Kollaps. Häufig wird angenommen, dass die Natur als solche durch technologische Reproduktion und Simulation ersetzt werde. An dieser Stelle bleibt zu klären, inwieweit sich die paranoide Lesart von den postmodernistischen Fiktionen abgrenzt, wie jener vom »Ende der Natur« oder den vielen anderen Todesanzeigen, wie dem Ende des Körpers, Subjekts, des Menschen, der Ideologie usw. Die paranoische Lesart ist keine Methode, die Künstler wahlweise aufgreifen oder ablegen. Vielmehr ist eine Lesart, deren Anschuldigungen und Sehnsucht nach Bedeutungen, die über die reifizierten Interpretationen künstlerischer Arbeiten hinausgeht, ein sozialer Prozesse, der die Bedeutungen der Kunst und den Status der Künstler beeinflusst.

Sedgwick geht noch weiter. Ihre Suche nach reparativen Praktiken, die paranoide kritische Projekte durchdringen, eröffnet eine neue Perspektive auf die digitale Kultur, die nicht von Aggression, Verdacht oder Angst getrieben ist, sondern von einer lustvollen Stimmung. Was kann man der paranoiden Lesart der KI entgegenhalten? Welche neuen, von positiven Affekten getragenen Kooperationen zwischen Mensch und Maschine sind denkbar? Wie schafft man eine hoffnungsvolle Alternative zur gängigen Kunstbetrachtung innerhalb des kreativen Imaginären?

I Eine reparative Lektüre

»The coyote ist he most aware creature there is […] because he is completely paranoid.« (Manson)

Der Kojote ist nicht nur ein scheues Tier, misstrauisch und ängstlich, sondern auch eine machtvolle Figur. Von Charles Manson wird das Tier zu einer Figur der »post-truth-culture« stilisiert. Man muss sich mit dem spezifischen Verhältnis von Wissen und Paranoia auseinandersetzen, um das zu verstehen. Jacques Lacan spricht der Paranoia einen Realitätswert zu und findet eine eigene Form des »paranoischen Wissens«:

»Man kann das paranoische Erlebnis und die Weltauffassung, die es hervorbringt, als eine originale Syntax betrachten, die dazu beiträgt, durch die ihr eigenen Verständniszusammenhänge die menschliche Gesellschaft zu bestätigen.«

Die Queer-Theoretikerin Eve Kosofsky Sedgwick schließt daran an. In ihrem berühmten Essay Paranoid Reading and Reparative Reading behauptet sie, dass der paranoide Modus der Kritik nicht mehr Diagnose sei, wie noch bei Lacan, sondern daraus ein Rezept geworden sei. Die ganze westliche Kritik nehme die Haltung des Kojoten ein und spiele das immer gleiche Spiel von Täuschung und Verdacht. Der paranoide Leser muss immer wachsein bleiben, um die Konstruktion der normativen Kultur zu durchschauen. Seiner Kritik stellt Sedgwick das »reparative Lesen« gegenüber, das die üblichen paranoiden Ansätze nicht ersetzt, sondern ergänzt. Sie sucht nach reparativen Strategien, die mitten durch paranoide Projekte laufen.

Tatsächlich sollte man den Einfluss der Paranoia nicht geringschätzen. Andrew S. Grove, ein einflussreicher Kopf der Computerära, empfiehlt in seinem Bestseller Only the Paranoid Survive den Unternehmern ein gesundes Maß an Paranoia, damit sie den »richtigen Zeitpunkt« nicht verpassen mögen. Der Paranoiker konfrontiert uns

» [....} with a world in which the paranoid is right, in which his view of the world and of his position in it is correct [...].«

Angesichts der Krisen unserer Zeit könnte der Paranoiker mit Genugtuung quittieren, dass die Wirklichkeit seine schlimmsten Visionen schon überholt hat. Was im Volksmund als »übertriebene Angst« gilt, ist nicht grundsätzlich falsch. Ein gesundes Maß an Paranoia hält uns wachsam. Der paranoid style erlebt derzeit eine ungeahnte Rele-vanz. Vertreter der Last Generation sind überzeugt davon, dass wir kollektiv den »richtigen Zeitpunkt« verpassen. Zwischen »Angst« und »Paranoia« gibt es eine merkwürdige Übereinstimmung. Die Pandemie hat deutlich gemacht, dass wir in einer Gefühlslage aus erregter Übertreibung, Verdacht, Argwohn bis hin zu übelsten Verschwörungsphantasien leben. Wir organisieren unseren Bezug zur Welt um die »Ökologie der Angst« herum, die aus komplexen Wechselbeziehungen von realen, sozialen, fiktiven und natürlichen Katastrophen besteht und zur affektiv-paranoide Konstitution unserer Kultur beiträgt. Kurz: Der paranoid style trifft den Nerv unserer Zeit. Sedgwick erwähnt den »Foucault’schen Paranoiker«, der das Chaos seiner Zeit in ein »fortlaufendes, todernst-elegantes Diagramm von spiralförmigen Fluchten und Wiedereroberungen verwandelt«. Der Paranoiker konstruiert sein Wissen, weil es für ihn nichts Schlimmeres gibt als Überraschungsmomente. Dabei macht er nichts Anderes wie jeder, der gerade einen kritischen Text schreibt. Allzu leicht ertappt man sich dabei, dass man auf den größten Trick der Paranoia hereinfällt:

»[...] it appears anywhere it is sought out.«

Gerade bei der KI-Kunst scheint es für viele fast unmöglich zu sein, sie aus etwas anderem als einer paranoiden kritischen Haltung heraus zu theoretisieren. Die gesamte Energie wird in die Beantwortung der Frage investiert: Kann KI Kunst sein? Die Reibung mit der KI und sogar der Hass ihr gegenüber entsteht in der Auseinandersetzung mit paranoiden Systemen, die die Beantwortung dieser Frage zu einer Herausforderung machen. KI-Kunst soll »echte Kunst« sein, »mit Regeln brechen«, eine »Vision enthalten«, »herrschende Normen in Frage stellen«, »originell und kreativ« sein usw. Wir verdächtigen sie, eine Komplizin der globalen Ökonomie und neuen Technologien zu sein. Wir verlangen, sie solle menschliche Eigenschaften simulieren können, äußern aber gleichzeitig den Verdacht, das führe zum Verschwinden des Menschen. Die KI lädt also zu paranoiden Lesarten ein, ja, sie zieht sie geradezu an. Die Anschuldigungen dieser Lesarten und die Sehnsucht nach Bedeutungen, sind soziale Prozesse, die den Status von Kunst und Künstler beeinflussen. Das »paranoid reading« erlaubt die Einübung paranoider Strategien, die beobachten und sich beobachten und stets auf Dinge stoßen, die nicht schnell genug paranoid vereinnahmt werden können.

Sedgwick positioniert das Reparative als eine schwache Theorie im Gegensatz zum starken, totalisierenden Impuls des Paranoikers. Ihren Gedanken folgend kann man die Performativität der KI-Kunst (in Bezug auf den Künstler, die KI und den Betrachter) in einem spezifisch reparativen Rahmen betrachten. Dabei geht es nicht nur um Medium oder Stil, sondern um eine Sichtweise, eine Denkweise, eine Absicht, ein Verlangen. Es ist nicht einfach ein »Lesen«, sondern etwas, das man erleben, sehen, verstehen. Das Reparative ist psychoemotional in Subjektpositionen verankert, sowie soziopolitisch in einem Kontext. Eine reparative Wende bietet eine konstruktive Handlung, eine Neuerfindung eines ermächtigten Selbst-Narrativs, eine Art Operation an Wunden, die durch systemische Unterdrückung entstanden sind. Sie schafft auch eine hoffnungsvolle Alternative zur gängigen Kunstbetrachtung im Kontext eines kreativen Imaginären. Sedgwicks Suche eröffnet eine neue Perspektive auf die digitale Kultur.

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