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FINALS EM1 Re-Inventing Europe - The Case of Sicily

Re-Inventing Europe - The Case of Sicily

Lage und Potenzial

Sizilien steht exemplarisch für die Chancen und Herausforderungen Europas peripherer Regionen: hohe kulturelle und natürliche Ressourcen, strategische Lage im Mittelmeer, aber gleichzeitig strukturelle Marginalisierung und Abwanderung junger Talente. Das vorgeschlagene Projekt verfolgt das Ziel, Sizilien als Modellregion für ein nachhaltiges, innovationsgetriebenes Europa der Peripherien zu entwickeln. Durch die Kombination von Energieinnovation, Agrarwertschöpfung, Bildung, Kultur und transregionaler Vernetzung soll Sizilien zu einer Drehscheibe für nachhaltige Entwicklung, Migrationserfahrung und wirtschaftliche Diversifizierung werden.

Die geopolitischen Verschiebungen, Energie- und Migrationsfragen machen das Mittelmeer zur Schlüsselfront. Ganz Südeuropa könnte der “grüne Fabrikhof” Europas werden. Wenn mit der Deglobalisierung die Lieferketten wieder näher an Europa heranrücken, könnten die Peripherien Industrie- und Verarbeitung zurückholen und regionale Wertschöpfungsketten installieren. Tourist:innen, Nomad:innen und Remote Work öffnen abgelegene Regionen für den Markt. Zudem könnte die Kohäsionspolitik der EU in Zukunft noch mehr die regionale Handlungsebene stärken. Sizilien könnte ein Vorbild dafür werden, wie Entscheidugen lokal beginnen und sich nach oben verdichten. Sizilien könnte zu einer Modellregion dafür werden, wie Europa aus den Rändern heraus resilient, inklusiv und kreativ sein kann.

Sizilien liegt strategisch günstig im Mittelmeer. Die Region verfügt über große Solar- Geothermie- und Windressourcen, sie hat ein reiches Kulturerbe, große Agrarqualität und Migrationserfahrung. Die Insel könnte in Zukunft zu einer Drehscheibe des Mittelmeers für Energie, Kultur und nachhaltige Innovation werden. Im Bereich der “energetischen Souveränität” könnte Sizilien mit dem Aufbau von Solar-, Wind-, Geothermie- und Wasserstoffprojekten als regionale Energieplattform und Testlabor für die “Green Economy” werden. Die Förderung von Wertschöpfung vor Ort, regenerative Landwirtschaft und mediterrane Qualitätsprodukte könnten den Ausbau eine nachhaltige Agrar- und Ernährungswirtschaft dienen. Die Verbindung von Kultur, Kreativwirtschaft und Technologie führt zu kultureller Innovationskraft und die Migrationskompetenz Siziliens könnte als Ressource gesehen werden.

Die Insel zeigt Europas Peripherien, wie aus Randregionen Zukunftslabore werden können. Das Projekt verknüpft Energie, Kultur, Bildung und Integration und positioniert Sizilien als lebendiges Modell für ein dezentrales, widerstandsfähiges Europa. Die Projekte der Student:innen sind Pilotprojekte in erneuerbarer Energie, digitaler Infrastruktur, regenerativer Landwirtschaft, Vernetzung und Upcycling.

PROJEKTE DER STUDENT:INNEN

Eur-Africa-Horizon

Schöne Esther & Scharr Annika

Die EU-Politik zu Asyl, Grenzschutz (Frontex) und Entwicklungszusammenarbeit richtet sich zunehmend an der Stabilisierung nordafrikanischer Staaten aus. Der politische Rahme n dafür könnte in Zukunft daher stärker multizentral werden – mit dem Mittelmeer als zunehmend gleichwertigem Raum zwischen den Kontinenten, die eine Kooperation eingehen. Das Projekt von Esther und Annika verbindet Geopolitik, Migrationspolitik, Infrastrukturplanung und internationale Rechtsfragen. Es beinhaltet den Entwurf einer Offshore-Zivilisation zwischen Afrika und Europa, einem Territoirum mit mehreren ehemalige oder aktiven Offshore-Bohrinseln. Diese könnten als Plattformen für eine Übergangs- oder Integrationszone genutzt werden – um eine Art „europäisches Offshore-Territorium“ zu erzeugen, eine »europäische Exterritorialität«. Die EU oder ein Staatenverbund (Italien + EU-Kommission + afrikanische Partner) würde bestimmte Offshore-Plattformen in eine EU-Afrikanischen Sonderzone „EurAfrica“ überführen, verwaltet durch ein trilaterales Konsortium (EU, Afrikanische Union, UNHCR). Diese Zone wäre nicht vollständig EU-Gebiet, könnten aber unter EU-Verwaltung stehen – ähnlich wie „EU Trust Territories“ oder spezielle Verwaltungszonen. Der Rechtsrahmen dafür ist eine Kombination aus Seerecht (UNCLOS), italienischem Recht und Menschenrechtsstandards. “EurAfrica-Horizon” ist kein technisches Projekt – es ist eine Zivilisationsidee: Es beinhaltet ein Territorium, das nicht durch Grenzen definiert ist, sondern durch Kooperation, Wissen und Humanität.

Die Bohrinseln werden in Inseln der Arbeit, Integration, Bildung und Energie verwandelt – Orte, an denen Migration nicht Flucht bedeutet, sondern Ankunft, Würde und Zugehörigkeit. Menschen, die in diesen Offshore-Zentren leben und arbeiten, könnten nach einer bestimmten Zeit (z. B. 3 Jahre) ein Aufenthaltsrecht in einem EU-Land beantragen, (Möglichkeit für Arbeitsvisa oder EU-Staatsbürgerschaft über ein Integrationsprogramm) oder über ein Punktesystem (ähnlich wie heute in Kanada) Zugang zu Ausbildung und Beschäftigung in der EU erhalten. Möglichkeit auf EU-Arbeitsvisa, oder „EurAfrica Citizenship“ – eine neue Form transkontinentaler Zugehörigkeit. Fokus auf Integration durch Arbeit, Sprache, und zivilgesellschaftliche Teilhabe.Das Projekt sieht die Umrüstung der Bohrinseln in Wohn-, Schulungs- und Verwaltungsplattformen vor, in schwimmende Mikrostädte mit hängenden Gärten und Raum für ca 2.000 Bewohner. Diese Mikrostädte sind energieautark, sie gewinnen Wasser durch Meerwasserentsaltzung und versorgen ihre Bewohner mit intelligenten Agrarsystemen. Die »Voids« der Bohrinseln bilden jeweils eine „Floating Agora“, einen zentralen öffentlichen Platz und einen Ort für Debatte, Markt und Demokratie.

Anthropozän

Schwalm Hannah & Spitzenstätter Sarah

Hannah und Sarah nähern sich ihrem Thema als “Archäologinnen”. Sie finden eine Reihe von Ruinen aus unterschiedlichen Zeiten, antike Ruinen neben den “maifiniti” der Gegenwart. Mit ihrem Konzept schließen sie die Lücke zwischen diesen beiden, denn es gibt keine “touristisch wertvollen” neben bedeutungslosen Ruinen. Stattdessen entwickeln sie eine künstlerische Strategie: sie ergänzen den Layer der historischen Ruinen um die Dimension der Zukunft.

Sizilien ist ein »Labor des Anthropozäns«, weil sich die konzentrierten Prozesse dort zeigen: Geologische und natürliche Dynamik, menschenverursachte Landschaftsveränderungen (Monokulturen, Terrassierung, Bewässerung), Urbanisierung und Küstenentwicklung )Küstenerosion). Forscher können hier Mensch-Umwelt-Interaktionen über Jahrhunderte studieren. Das Projekt sieht eine Installation vor, bei der die obere Kante von vertikal in die Landschaft gesetzten Baumstämmen eine abstrakte Ordnung bildet. Dadurch, dass die Oberkante der Baumstämme über weite Strecken gleich bleibt, variiert lediglich ihre Höhe. Auf diese Weise können also Höhenunterschiede im Gelände sichtbar gemacht werden, die auf den Einfluss des Menschen zurückgehen und oft in Jahrhunderten entstehen. Das erzeugt ein spannendes Spiel zwischen Natur, Kunst und Mensch-Einfluss. Ich kann ein konkretes Layout entwerfen. Jeder Baumstamm wird so gesetzt, dass seine Oberkante exakt auf einer gedachten Linie liegt, die die natürliche Geländekontur sichtbar macht. Das Projekt erweitert die Idee Siziliens als Landschaft mir Ruinen (Tempel, „maifiniti“, ….) um die Dimension des Anthropozäns. Zusätzliche Materialien: Rostige Metalle, Betonreste, Plastikfragmente – subtil eingebunden zwischen den Stämmen – können die anthropogenen Spuren verstärken. Die Installation beinhaltetöÖkologische Narrative: Pflanze eventuell heimische Pflanzen, die sich zwischen den Stämmen entwickeln. Saisonale Dynamik: Die Installation verändert sich mit den Jahreszeiten und reflektiert so die fortlaufende Interaktion von Mensch und Natur.

Circular Village

Bexelius Emelie & Paulina Keinath

 

Am Anfang des Projekts steht die Erfahrung, dass es überall in Sizilien wilde Mülldeponien gibt. Der Müll wird im Projekt aber nicht nur negativ gesehen, sondern als Ressource, aus der man etwas machen kann. Sizilien wird in „Recycling-Zonen“ unterteilt, die der systematischen Sammlung des Mülls dienen. Recycling-Zentren werden als “educational hubs” betrieben und sind die “Material-Pools” für das “urban mining”. Ihr Ziel ist es, eine Kreislaufwirtschaft (Circular Economy) in Gang zu setzen.

Die zweite Komponente des Projekts sind die verlassenen oder durch Erdbeben und vom Menschen verursachte Katastrophen verlassenen Dörfer. Diese werden zu Baustellen, denn der Müll soll als Baumaterial eingesetzt werden, um durch Adaptive Reuse oder Recyling Wohnraum als alten Gebäuden oder Komponenten zu machen. So zB. interpretieren Emelie und Paulina die „Geisterdörfer“ des Belize-Tals als einen Layer, an dem Schicht für Schicht weitergebaut wird. Die Dörfer sind ein Palimpsest aus Schichten verschiedener Zeiten. Das Grundkonzept für jede Intervention ist das „growing house“, darüber hinaus geht es aber auch um die Artikulation öffentlicher Bereiche und die Vernetzung der Siedlungsstrukturen und um die Schaffung neuer Gemeinschaften. So entsteht ein inter-generatives Projekt mit langer Bauzeit, im Prinzip ein offener Prozess mit einer ganz eigenen Ästhetik. In den Dörfern entstehen “Öko-Hostels”, lokale Recycling- und Repair-Hubs, Repair-Cafés, “Material -Bibliotheken“), Tauschmärkte und Kreislauf-Start-ups als Werkstätten für Holz-, Metall- und Elektronik-Ubcycling, die von den Bewohnern gemeinschaftlich betrieben werden. Zu den “Commons” gehören die kollektiv betriebenen Wasserkreisläufe, Gemeinschaftsgärten und Kompost- und Energiestationen.

Die Verbindung zwischen zwei zentralen Referenzen, MVRDV’s „Freeland“ und dem Konzept der „Commons“ in der Architektur, lässt sich sehr fruchtbar diskutieren, denn beide Ansätze beschäftigen sich mit neuen Modellen des Zusammenlebens, der Raumverteilung und der Selbstorganisation – allerdings aus unterschiedlichen Richtungen. „Freeland“ (2018, Biennale Venedig) ist ein spekulatives Projekt, das eine Gesellschaft ohne zentrale Regulierung entwirft. Bewohner*innen organisieren ihren Raumbedarf durch direkte Aushandlung – ohne staatliche Zoning-Pläne, feste Parzellierung oder traditionelle Eigentumslogik. Elinor Ostroms Prinzip der „Commons“ beschreibt Räume, Ressourcen oder Systeme: die gemeinschaftlich genutzt, kooperativ bewirtschaftet und kollektiv verwaltet werden, ohne dass sie privatisiert oder rein staatlich kontrolliert sind. IN beiden Fällen ersetzen Flexibilität die Logik starrer Masterpläne, der permanente Aushandlungsprozess ist ein „lebender“ Plan und die Regeln passen sich an die Bedürfnisse der Menschen an.

Kulinarische Trajektorie

Ludewig Amélie

 

Amélie arbeitet am Aufbau einer „kulinarischen Trajektorie“, die Produzent:innen, Gastronom:innen, Handwerker:innen und Besucher:innen durch Technologie, Nachhaltigkeit und kulturelles Storytelling verbindet. Die exemplarischen Orte dafür sind: Enna – Piazza Armerina – Aidone oder Nicosia – Sperlinga – Gangi. Bahn und Straßen sind in Sizilien gut in den Städten, in ländlichen Regionen können schwierig sein. Amélie macht aus der Schwäche eine Stärke: Sie verwendet – ganz im Sinne der „slow-food-Bewegung“ eine alte Schmalspurbahn, die Touristen zu den einzelnen Stationen führt. Dafür entwirft sie einen „Potatoe-Plan“ für Sizilien, der das Land den landwirtschaftlichen Produkten entsprechend aufteilt und im Unterschied zum Vorbild vom Ambercrombie – auch Architekturtypologien wie Bahnhof, Piazza, Manufaktur, Bauernhof usw. beinhaltet. Das Ziel ist die Aufwertung der ländlichen Bereiche, die von Landflucht betroffen sind, eine ressourcenschonende Produktion, lokale Wertschöpfung, kurze Lieferketten, Schutz lokaler Sorten und bio-zertifizierte Gemeinschaftsproduktion. Die Trajektorie soll soll die Identität stärken und Frauen- wie Jugendkooperationen aktivieren. Ergänzend erfolgt der Aufbau von E-Bike- und E-Van-Infrastruktur für Touristen, gekoppelt mit einer Smart-App (Förderung über Next Generation EU-Mittel für „Green Mobility“) und die Schulung der Landwirte mit Unterstützung von Agrartechnologie-Start-ups aus Catania oder Palermo (z. B. im Rahmen des Next Generation EU-Programms „Agritech South“).

Die “kulinarische Meile” ist ein temporärer, wandelbarer Raum, der durch Möbel, Gerüste und textile Überdachungen eine einladende Atmosphäre schafft (temporäre Dächer aus Segeltuch auf Metallgerüsten). Ziel ist, die traditionelle Piazza-Situation mit modernen, flexiblen Mitteln zu kombinieren (Mischung aus Markt, Freiluft-Restaurant und Event-Location / “Food Stalls”: leicht abnehmbar, aus Holz und Stoff, im Stile traditioneller sizilianischer Marktbuden). Die Piazza ist Hauptversammlungsort, hier stehen die Tische für das gemeinsame Essen. Bodenmarkierungen (mit Holzbohlen oder farbigen Teppichen) definieren Ess- und Flanierbereiche.

Der Reiz des Projekt liegt darin, dass nicht nur Touristen, sondern auch landwirtschaftliche Produkte zirkulieren. Ein Ort, der vorwiegend Pistazien anbaut, teilt dieses Produkt mit den anderen Orten entlang der Bahnlinie. Neben der Re-aktivierung der Bahnlinie wird auch eine interaktive Plattform aufgebaut (Events und Verkostungen: “Sicilia Gusto”, “Settimana del Gusto”, “Sagra del Pistacchio” usw.), die Produzenten, Gastronomie, Unterkünfte und Kulturorte kartiert. Zur Erntezeit findet eine „festa del pistacchio“ statt, das wie ein Wanderzirkus von Ort zu Ort reist. Der Zug befördert auch die Möbel für die Events (zB. ein faltbares Dach für das gemeinsame Essen auf der Piazza).

Die “kulinarische Trajektorie” ist keine abstrakte Linie in der Landschaft, sie löst konkrete Interkationen mit dem jeweiligen Umland aus und lamm zu einem Motor für lokale Wertschöpfung, Tourismus, Landwirtschaft und kulturelle Identität werden. Sie ist ein realistisches Szenario für die nachhaltige Regionalentwicklung im sizilianischen Binnenland.

Randstadt & Freeport

Clara Naumann & Niklas Kosmala

 

Die Idee einer „Randstadt“ nach niederländischem Vorbild (wie die Randstad um Amsterdam–Rotterdam–Den Haag–Utrecht) lässt sich prinzipiell auch auf Sizilien übertragen – insbesondere mit einer Hochgeschwindigkeits- oder zumindest sehr schnellen Schienenverbindung, die die großen Städte eng verknüpft (Transit-Oriented Development (TOD)). Um mit Investitionen in die Eisenbahn eine „Randstadt“ aufzubauen, also einen neuen urbanen Schwerpunkt am Stadtrand oder in einer weniger entwickelten Region, braucht es ein Zusammenspiel aus Infrastruktur, Stadtplanung und wirtschaftlichen Anreizen. Die Investitionen in die Hochgeschwindigkeitsbahn steigern die Bodenwerte (öffentliche Bodenbevorratung, Wertschöpfung durch den Weiterverkauf nach der Erschließung, gezielte Gewerbeansiedelung).

Nur Palermo und Catania haben eine kritische Masse wie NL-Städte. Andere Städte sind kleiner, aber könnten als spezialisierte Subzentren fungieren. Ein Bahnhof in einer „Super-Infrastruktur“ ist kein bloßer Durchgangsort. Er wird zu einem Symbol der urbanen Identität, einem Knoten von Mobilität, Kultur, Ökologie und Technologie. Er kann vertikal, nachhaltig, interaktiv oder monumental sein – aber immer eng mit dem Stadtgefüge verwoben. Verfolgung einer Cluster-Strategie (Palermo: Verwaltung, Justiz, Hafen, Dienstleistungen; Catania: Tech/Universität, Flughafen, Industrie; Messina: Tor zum Festland; Agrigento: Kultur & Tourismus; Ragusa/Modica: Lebensmittel- & Agrarbranche). Sie beziehen sich auf die historische Typologie der Eisenbahn und der Bahnhöfe und entwickeln auf dieser Grundlage eine Super-Infrastruktur, die in ganz Europa verwirklicht werden könnte.

Ihre Interpretation des Bahnhofs ist im Projekt von Clara und Niklas neu: Der Bahnhof ist nicht nur ein Ort des Transports von Waren und Personen, sondern ein „Freeport“. Europäische Kleinstaaten wie Luxemburg haben in der Folge der De-Industrialisierung legistische Infrastrukturen entwickelt, um die Vorteile der nationalen Autonomie mit jenen der EU zu vereinen und um wirtschaftliche “Magneten” zu schaffen. Die Bahnhöfe in Sizilien sollen nach diesem Vorbild zu „Freeports“ werden, dh. zu Freihandelszonen, die internationale Unternehmen anziehen und die Städte der Insel aktivieren. Als „urbane Akupunkturen“ sind sie soziale, kulturelle und ökologische Inkubatoren.

Roadmap Sizilien

Hagenlocher Stefan & Karbon Jonas

 

Neue Energiekorridore liegen überwiegend im Mittelmeerraum: LNG-Importe über Spanien und Italien, Gas aus Algerien, Pipeline-Projekte im östlichen Mittelmeer (Israel, Zypern), Große Potenziale für Solarenergie in Nordafrika. Der Mittelmeerraum wird mit der Abkoppelung von Russland zu einem strategischen Energiehub für Europa. Die Insel hat enormes Potenzial für die Energiestrategie der EU: Solarenergie (höchste Sonneneinstrahlung Europas) Windkraft, Geothermie, Pipeline- und Stromkorridore aus Nordafrika (z. B. Algerien, Tunesien), Sizilien könnte zum Knotenpunkt einer EU-Strategie für erneuerbare Energien und Energieunabhängigkeit werden. Der Fokus auf eine starke Erhöhung von Erneuerbaren (Wind, Solar, Geothermie, Biomasse) kombiniert mit Effizienzsteigerungen und sektorenübergreifender Kopplung (Strom, Wärme, Verkehr)

Nach dem Vorbild der “Roadmap 2050” von OMA ist die Umgestaltung der Energie-Infrastruktur nicht lediglich ein technischer Ausbau, sondern eine räumliche Neuordnung („Eneropa“ – Regionen nach Energiepotenzial) mit neuen Möglichkeiten für neue Wirtschafts‑, Beschäftigungs‑ und Standortmodelle. Architektur als “Schaufenster der Energie” / Energiespeicher als Landmarken, die Energie monumental sichtbar machen. Es gibt viele architektonische Strategien, um das abstrakte Thema „Energie“ räumlich und visuell erfahrbar zu machen. Im Kern geht es darum, physikalische Prozesse, Ströme und Transformationen sichtbar, fühlbar und räumlich übersetzt zu zeigen. Wenn die „Power-Station“ der Ort ist, an dem Energie „zu Raum“ wird, kann Architektur Transformation sichtbar machen: Einsehbare technische Räume wie Turbinenhallen oder Wärmetauscher als gestalterischer Teil / Zonen, die unterschiedliche Energiezustände darstellen, ZB. dunkel/kalt, hell/warm, laut – ruhig / Öffentlich zugängliche Stege oder Besucherwege, ähnlich wie in modernen Müllverbrennungsanlagen oder Hochöfen. Energie manifestiert sich als Bewegung. Architektur kann das zeigen mit Sonnenkollektoren, die wie »Schuppen« in der Landschaft liegen und zu einer “second skin” der Landschaft werden. Wärmetauscher, Leitungen oder Silos als bewusst geformte “Skulpturen technischer Kraft”. Fassaden oder Maschinenräume als Räume für Lichtinstallationen oder künstlerische Interpretationen. Turbinenhallen als Orte für Kultur, Bildung oder Ausstellungen über Energie.

Agrocity Sizilien

Floriani Sarah & Frederik Mülder

Der Mittelmeerraum gilt als Hotspot der klimabedingten Ernterückgänge — Sizilien bestätigt diese Prognosen. Sizilien ist landwirtschaftlich stark vom Klima abhängig (Zitrusfrüchte, Oliven, Wein, Mandeln). Hitze und Trockenheit mindern die Qualität und Erträge. Neue Schädlingsarten treten auf, die früher durch mildere Winter nicht überleben konnten. Bewässerung wird teurer und schwieriger, die Desertifizierung nimmt vor allem im Binnenland zu. Andererseits ist ein Charaktertistikum Siziliens seine landwirtschaftliche Vielfalt: Weinanbau, Oliven, Zitrusfrüchte. Das ist ideal für Ansätze wie “Agri-Tech”, nachhaltige Lebensmittelproduktion, KI-gestützte Lieferketten.

Die zentrale Referenz für das Projekt ist „Agronica“, ein theoretisches Projekt von Andrea Branzi, das auf eine „schwache Urbanisierung“ (urbanizzazione debole) abzielt – also eine Form der Siedlung, die Landwirtschaft und Stadt nicht mehr als getrennte Formen begreift, sondern als ineinander verwobene Landschaften und Systeme. Zentral sind Merkmale wie: reversible und flexible Gebäudestrukturen, losgelöst von starren Funktionen; ein Raster oder Grid im Landschaftsraum; eine Durchlässigkeit von Siedlung und Landwirtschaft; eine Entschärfung der Trennung Stadt–Land.

Das Projekt von Sarah und Frederik nimmt die zentrale Idee der Verkettung von Landwirtschaft und Stadt auf, radikalisiert aber den Ansatz, indem es nicht flächendeckend die Agrocity umsetzt, sondern zwischen zwei Zonen unterscheidet: Es gibt ein küstennahes Gebiet, in dem die Landwirtschaft auf eine kreative Art und Weise mit dem urbanen Gebiet verzahnt wird (Wohn‑ und Arbeitsräume an der Küste: Verdichtung, aber mit Agrarmodulen integriert – urbane Landwirtschaft, vertikale Farmen, Aquaponik etc.) und das Landesinnere (geringe Besiedelung, Wasserknappheit, Risikogebiet für Bodendegradation), das renaturiert werden soll. Küstenregionen: hohe Siedlungsdichte, Touristendruck, hoher Wertschöpfungsdruck pro Fläche. Hier kann eine Verdichtung und zugleich Funktionserweiterung stattfinden („Küste als agrar‐urbane Schwelle“).

Der Entwurf sieht die Unterteilung des Territoriums in STREIFEN vor: Verbindungszonen (Übergang Küste‑Hinterland): könnten als „Agro‐Corridore“ dienen, die beide Bereiche verknüpfen – Infrastruktur, Ressourcenfluss (Wasser, Energie), Logistik.Verbindungszonen (Übergang Küste‑Hinterland): könnten als „Agro‐Corridore“ dienen, die beide Bereiche verknüpfen – Infrastruktur, Ressourcenfluss (Wasser, Energie), Logistik. Logistik: Verbindung Küste–Hinterland via Schiene/Straße, aber auch digitale Infrastruktur – Branzi sieht Tele­matik, Informationsnetzwerke als Infrastruktur der Agronica. Schaffung sogenannter „Durchlässigkeitsräume“: Eingerichtete Freiräume für Landwirtschaft, Wasser‐Rückhalt, biodiversitätsfreundliche Gebiete, statt Verdichtung ohne Rücksicht auf Landschaft. Landwirtschaft als Grundstruktur: Nicht als Randphänomen, sondern als integraler Bestandteil des Siedlungsgefüges. Die Agrarflächen sind nicht nur um die Stadt herum, sondern mitten drin bzw. durchdringend. Branzi: „agriculture and architecture are two morphologies of the same logic“.

Fields of Knowledge

Passler Lukas & Saboth Maximilian

Lukas und Maximilian entwerfen eine “europäische Universität” in Sizilien, die der Grundidee folgt, dass die Universität kein Campus, sondern ein Territorium ist. Sie liegt als abstraktes Raster über der Insel – ein gedachtes Koordinatensystem – und materialisiert sich punktuell dort, wo sie lokalen Kontext berührt. Das Projekt macht die Insel zu einem Lagor im Maßstab 1:1. Die Universität ist keine Ansammlung von Gebäuden, sondern eine Wissensspur, die die Insel tastend, messend und kultivierend durchdringt.

Beispiele dafür sind die “Ätna-Region” mit Vulkanologie und Sensorik, Bohrkernen und Seismik als Verbindungselemente, das “Enna-Plateau” mit Archäologie und Grabungslaboren / Archiven, die “Südküste” für Agrarinnovation (Bewässerung und Mykorrhiza-Projekten), Palermo für die kulturelle Ökonomie und das “Eolie-Gebiet” für die Ozeanografie (maritime Stationen).

Der Raster ist die verbindende Strutur, die alle Standorte untereinander koppelt, er ist ein Werkzeug für die Planung statt überformende physische Struktur und verleiht der Universität ihre “europäische” Dime nsion. Dadurch wird eine Vielzahl potenzieller Knotenpunkte definiert, wobei die Knoten Orte des Einschreibens sind (die Universität wird sichtbar) oder Punkte, die ein Territorium “ausschneiden” (zB. Küstenbereich oder geologisches Territorium vulkanischer Aktivität). Die Felder ohne Knoten sind eine Ressource der Universität, eine Potenzialfläche.

Die Universität hat ein ungewohntes Ausmaß, sie beschränkt sich auf kein Ensemble von Gebäuden, sondern erstreckt sich über die ganze Insel. Die einzelnen Institute der Universität erfüllen vor Ort wichtige Aufgaben, so erkunden die Vulkanologen zB. die Aktivität der Vulkane oder die Agrarwissenschaftler das Potenzial neuer Anbauformen. Die Universität bildet einen Layer, der über dem “Territorium” liegt und einem Raster entsprechend organisiert ist. Dadurch entsteht ein spannender Kontrast zwischen der Abstraktheit des Rasters und der Organisation und den organischen Formen der darunter liegenden Landschaft. Die einzelnen Module der Universität spannen jeweils ein Territorium auf, so wird zB. aus dem Campus der traditionellen Universität ein weit ausgedehntes Feld mit neuen Räumen und neuem Potenzial.

Die narrativen Schnitte durch die Insel zeigen unten das Territorium (Lava, Wasser, Felder) und darüber die Rasterebene mit den dazwischen eingebundenen Modulen der Universität. Die “prototypischen Knoten” zeigen, wie die Universität “geerdet” ist und die Knotenhäuser (Module) über dem Territorium.

Healing

Aslani Samaneh

Das Projekt von Samaneh widmet sich der Erinnerungskultur. Sie lokalisiert ihre Intervention in der Zone der Erdbebengebiet. Oft benötigen von Erdbeben traumatisierte Gemeinschaften Orte der Bedeutung:Erinnerungsräume und Gedenkarchitektur, Orte der Heilung (“Gardens of Recovery”, “Healing Pavilions”). Auf der Grundlage der „Victims“ von John Hejduk entwickelt sie punktuelle Interventionen an den Nahtstellen von Fragmenten, die historisch aus den Katastrophen entstanden sind. Das Erdbeben führte zum Aufgeben von Dörfern, zum Neubau von Siedlungen an ihrem Rand oder zu künstlerischen Interventionen. Die meisten dieser Interventionen sind „gescheitert“, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung. Samaneh macht aus dem Nachteil einen Vorteil. Sie „vernäht“ die Fragmente der Landschaft zu neuen Strukturen und lässt so neue Dörfer entstehen mit ganz besonderem Flair. Ein Vorbild dafür ist die sizilianische Keramik, die ihr als Leitmetapher für den Entwurf dient.

Es geht darum, die Perspektiven, Bedürfnisse und emotionalen Reaktionen der Betroffenen zum zentralen Leitmotiv der Planung zu machen. Das bedeutet nicht, Menschen auf eine Opferrolle zu reduzieren, sondern ihre Erfahrungen, Verwundbarkeit und Resilienz architektonisch mitzudenken.

Dafür entwirft Samaneh eine Route, die an verschiedenen Ruinen und leerstehenden Plätzen vorbeiführt und sie zu einem neuen Ensemble vereint. Die architektonischen Interentionen sind unprätentiös, sie entstehen nur entlang der Nahtstellen. Es geht nicht darum, neue Monumente zu entwerfen, sondern um eine fragile und menschliche Arbeit mit den Fragmenten. Das erzeugt einen Raum der Ambiguität, denn eindeutige Antworten gibt es nicht. Die Architektur von Samaneh besteht nicht aus Gebäuden im klassischen Sinns, vielmehr sind es poetische Artikulationen, die Erinnerung, Verlust, Ritual und Identität in räumliche Formen übersetzen. In einem Dorf, das aus Ruinen besteht, können sie deshalb zu einer Art architektonischem Vokabular werden (zB. “Stationen des Zuhörens”, “Stationen des Zweifelns”, “Stationen des Rituals”, “Stationen des Spiels” usw.), um kollektives Gedächtnis neu aufzubauen – ohne die Ruinen zu verdrängen oder zu „überbauen“.

Das “Überbauen” ist in der Arbeit von Samaneh ein “Überformen” oder “Einkleiden” der Ruinen. Dadurch entsteht ein neuer Blick auf sie. Feine Risse in den Mauern werden mit Lichteffekten betont, in den Polykarbon-Überbauungen entstehen neue Zwischenräume und spannende Situationen. Die Ruinen werden nicht beseitigt, sie sind als gewollte Strukturen bewusst fragmentarisch, archetypisch, fast theatralisch. Die Ruinen bleiben primäre Zeitzeugen. Sie treten als Resonanzkörper hinzu, die das, was fehlt, sichtbar machen, ohne so zu tun, als könne man es zurückholen.

Floating Farms

Blechschmidt Bruno

Bruno entwickelt sein Projekt auf der Grundlage des „Potteries Thinkbelt“-Projekts von Cedric Price, der in Nordengland mit einer schrumpfenden Industrie und ungenutzten Infrastrukturen (Bahnlinien, Fabriken) konfrontiert war. Auch Sizilien ist eine Region, deren Zukunft neu gedacht werden sollte: Wasserknappheit und Klimastress beeinflussen eine alternde und schrumpfende Agrarwirtschaft. Es gibt eine Anzahl von “maifiniti” (angefangen und nie genutzte Bauten), in denen unerschlossene Potenziale im Umgang mit Ressourcenkreisläufen schlummern. Verlassene Infrastrukturen sind der Rohstoff für neue Programme. Was könnte ein “Sicilian Thinkbeld” sein?

Denkbar wäre ein dezentrales Netzwerk aus Landwirtschaft, Forschung, Ressourcenmanagement und lokaler Produktion, das bestehene Strukturen umnutzt. Die “maifiniti” werden nicht als Scheitern gesehen, sondern als Ressource. So könnten die nicht fertig gestellten Dämme zum Wasserspeicher werden oder für die dezentrale Energiegewinnung (Reservoirs, Floating Solar) genutzt werden. Verlassene Kanäle können als Grauwasser- oder Regenwassersysteme genutzt werden. Die Lösung ist kein neues großes Projekt, sondern besteht in vielen kleinen, flexiblen Eingriffen.

Architektur ist kein klassischer “Bau”, vielmehr kann sie eingesetzt werden, um ein räumliches System zu definieren, das Flüsse neu organisiert (zB. als Teil eines Kanalsystems). Schlüpft die Architektur in die Form eines “Floßes”, so entsteht daraus eine saisonal adaptive Anbauplattform (Pachtstation, mobiles Gewächshaus). Im Kontext einer regenerativen Landwirtschaft kann die Architektur zeigen, wie man Mikroklimen aufbaut.

Es geht um die Frage, welche Auswirkung große Transformationen von Gesellschaft und Landschaft auf die Menschen haben und wie man mit den Mitteln der Architektur darauf reagieren könnte. Wie bei den “Potteries Thinbelt” von Price geht es beim Projekt von Bruno um eine Transformation jenseits von Design: Das Projekt soll Migration und Landflucht abfedern, es soll Wissen vor Ort bilden und Gemeinden beteiligen. “Potteries Thinkbelt” verschob Bildung in die Landschaft – ein “Sicilian Thinkbelt” könnte Wasser, Nahrung und Arbeit neu verteilen.

Flöße können das Projekt zu einem beweglichen, spielerischen System machen. Die Flöße auf den re-aktivierten Kanälen gehören zu einem architektonisch-ökologischen Netzwerk. Sie sind Rohbauanlagen als “Agri-Hubs”, “Hydro-Commons” als dorfbetriebene Mini-Kraftwerke oder mobile Schulen (Lernen durch Bewirtschaften) als “Schwimmende Regenfänger”, “Solar-Floß”, “Labor-Floß”, “Markt-Floß” (schwimmender Wochenmarkt), “Schwimmbeet” oder “Kleinstbiogasanlagen” sind sie Teil einer kooperativen Ökonomie. Nicht fertig gewordener Beton wird Teil eines lebenden Systems. Sizilien wird zu einem Archipel im Archipel: nicht Inseln im Meer, sondern schwimmende Inseln im Land. Die Kanäle, einst stumme Betonlinien, werden zu beweglichen Landschaftslaboren, wo Landwirtschaft, Lernen und Wasser gemeinsam wandern. Flöße machen das System beweglich, anpassungsfähig und gesellschaftlich sichtbar. Sie verwandeln Kanäle in Produktionswege und unfertige Infrastruktur in Knoten eines lebendigen Netzwerks.

Europas Kulturhauptstadt

Özgül Elife & Unterthiner Nadia

Das „maifinito“ – das bewusst oder faktisch Unvollendete, Fragmentierte, Prozesshafte – ist in Sizilien kein Mangel, sondern ein kultureller Zustand. Positiv gewendet kann es zum Alleinstellungsmerkmal einer europäischen Kulturhauptstadt werden, gerade weil Europa heute nach offenen, pluralen und nicht-linearen Erzählungen sucht. Sizilien und Europa sind bewusst nie abgeschlossen!

Elife und Nadia halten sich mit ihrem Projekt an einem konkreten Ort auf: in Giarre. Dort gibt es eine auffallende Sammlung von “maifiniti”, also von Gebäuden, die Ruinen sind, Übrigbleibsel von Fehlinvestitionen oder Spekulationsobjekte. Elife und Nadia entwickeln eine produktive Lesart: nicht Scheitern, Stillstand oder illegale Bauform stehen im Mittelpunkt, sondern der dauernde Prozess, Offenheit für Aneignung, Improvisation und Koexistenz.

Der Entwurf sieht einen kreativen Umgang mit den “maifiniti” vor: Entlang der Achse, die durch den Ort führt, werden sie dafür verwendet, um das Konzept einer “europäischen Kulturhauptstadt” zu verwirklichen. Die “maifiniti” sind nicht das Ende, sondern der Anfang von etwas. Unvollendete Bauten werden nicht kaschiert, sondern kuratiert. Sie können kreativ weitergebaut werden. Nadia und Elife betrachten sie wie “Fundstücke” (objet trouvés), die surreal sind und noch surrealer erscheinen, wenn man Dinge miteinander verknüpft, die eigentlich nicht verknüpft werden können.

Die Absurdität der “maifiniti” wird ins Positive gewendet: Wie surreale Skulpturen ragen die neuen Türme aus der Landschaft. Elife und Nadia konzentrieren sich auf das “Polostadium”, das “Schwimmbad” und eine “Geländekante” in Giarre, um das “maifinito” weiterzubauen. Die Strategien dafür sind leichte, reversible Raumgerüste, (urbane, zeitliche oder kulturelle) Trajektorien und Inszenierungen (Performances, Ausstellungen und Installationen). Ihre Gebäude werden aus den Materialien des Leerstandes gebaut, skurril und wagemutig. Das Polostadium wird mit einer ringartigen und aufgesteltzten Struktur umfasst, die bruchstückhaft und mosaikartig ist. Der Stadtrand wird zu einer Parklandschaft, die auf der Höhe der Baumkronen mit einem Drahtzaun eingefasst wird, sodass ein “Gebäude” aus Baukronen entsteht, in das ein Labyrinth aus Wegen eingelassen ist. Auf das Schwimmbad wird ein Baukörper aufgesetzt, dessen Qualität der große Freiraum in seinem Inneren ist. Diese Gebäude strahlen aus nach Europa, sie laden Künstler ein, sie zu erobern, in ihnen zu wohnen und zu arbeiten. Oder die Bewohner von Giarre, die sie sich kreativ aneignen. Damit entsteht eine Stadt, die sich selbst ausstellt - nicht als Vergangenheit, sondern als Zukunftslabor. Das “maifinito” wird zum sichtbaren Zustand Europas selbst.

Terra d’Acqua

Pirk Fiona & Traub Hannah

Sizilien wird wasserresilient, indem Bürger*innen lernen, Wasser zu sparen, zu sammeln und wieder in lokale Kreisläufe einzubinden. Nicht große Infrastrukturen sind dafür notwendig, sondern viele private Initiativen, die vernetzt werden. Es braucht mehr private Regenwasserspeicher, lokale Gemeinschaftsgärten mit Wassserrückhalt und den Bewusstseinswandel, dass Wasser eine wertvolle Ressource ist. Fiona und Hannah wählen deshalb einen bottom-up Ansatz, der weitläufig ist: lokale Gemeinden und Bürger:innen sollen eingebunden werden, Wasserkooperationen (consorzi), NGOs für Permakultur und regenerative Landwirtschaft und Schulen (Kinder als Multiplikatoren). Finanziert werden kann das Projekt mit EU-Programmen (LIFE, Horizon, Interreg MED) und regionale Entwicklungsfonds. Das Ziel ist die Aktivierung der lokalen Bevölkerung durch offene Lernformen (Familien, Kinder, Handwerker, Senioren) und Citizen Science (Messungen und “Wasser-Scorecards”). Deren Vermittlung des Wissens erfolgt aber nicht abstrakt, sondern als Demonstration von Techniken (Zisternen, graues Wasser, Teichsysteme, Modelle für den Wasserhaushalt im Privaten) und durch Storytelling: Wie hat man früher Wasser gesammelt? Nicht abstraktes Wissen soll vermittelt, sondern das latente Wissen der Bevölkerung aktiviert werden.

Fiona und Hannah entwerfen ein vernetztes, wachsendes Ökosystem lokaler Wasserpraktiken (Stadt und Land), die von den Menschen selbst getragen werden. Im Zentrum des Projekts stehen “Inkubatoren”, bühnenhafte Settings mit Prototypen-Charakter, mit denen bestimmte Prozesse initiiert werden können (zB: Mini-Sammelbehälter für Balkon, Innenhof, Flachdachkante / Mikro-Zisternen / Mikro-Filter usw.) Diese Inkubatoren werden im lokalen Kontext entwickelt, als konkrete Architekturen, die mit einfachen Mitteln realisiert werden können und dem Aufbau lokaler “Water Steardship Groups” dienen. Gemeinden bauen jeweils einen Inkubator auf, die Inkubatoren werden dann vernetzt (zB. “Sicilia Acqua di Comunità”). Dadurch werden Stadt und Land zu einem offenen System, die Inkubatoren sind Knoten in einem wachsenden Netzwerk und die Bürger:innen sind Mitgestalter und nicht nur Konsumenten.

Die Inkubatoren sind Modelle dafür, wie man Regen einfängt (Mini-Zisternen und Filtersysteme), wie man Wasser speichert (Bodenaufbau, Kompost/Mulch), Wasserkreisläufe schließt (graues Wasser nutzbar machen) und Mikro-Landschaften aufbaut (MIni-Feuchtgebiete, Schwammflächen). Das Ergebnis sind Mini-Wasserkreisläufe die sich replizieren lassen. Roul Bunschoten betrachtet den “Inkubator” als Hybrid aus Objekt, Ort und Prozess. Das Material dafür sind mobile, wiederverwendbare Elemente (Gerüste, Tanks, Rohre, Filter und Pflanzenkisten). Inkubatoren sind auch Tausch- und Reparaturbörsen für Bewässerungstechniken. Der Inkubator beinhaltet auch das Werkzeug für ein Set an Experimenten (Wasserrückhalt, Verdunstung, Kompostierung). Nicht zuletzt ist jeder Inkubator auch ein sozialer Inkubator, dh. er motiviert Gruppen, selbst zu handeln und nicht einfach abzuwarten. Auf diese Weise erzeugt das Projekt realisierbare Beiträge zur Wassersicherheit.

Intelligent Clouds

Özem Harun & Erdem Gülcan

Sizilien ist ein Land der Katastrophen: Wald- und Buschbrände, Desertifikation und Bodenverlust, vulkanische Aktivität, Erdbebenrisiko, Küstenerosion und Wasserknappheit. Harun und Gülcan entwerfen ein reparatives System mit eindeutigen Modultypen. Ihr Entwurf basiert auf den Prinzipien “Modularität” (Add-On-Logik), “Mobilität” (mit Pkw versetzbare Module und Einsatz von Drohnen), “Resilienz” (selbstversorgendes System), “Skalierbarkeit” (Entwurf einer Cloud) und “Niederschwellige Bedienbarkeit” (von Laien bedienbar). Die Module sind in leichter Holzbauweise oder als Aluminium-Leercontainern angefertigt und reversible Strukturen.

Jedes Modul ist autark, aber vernetzbar. Beispiele dafür sind “Agro-Module” (mobile Gewächshäuser, Aquaponik-Container oder Filter-Einheiten), “Wohnmodule” (temporäre Unterkunft für Evakuierte, Einsatzkräfte-Lager oder längerfristig nutzbare Mikro-Siedlungen) und “Gesundheits-Module” (Feldlabore, Telemedizinstationen oder Schulungsräume). Ihre flexible Anordung ergibt “Maker-Spaces” für den Wiederaufbau zerstörter Gebiete nach Katastrophen. Diese Räume werden von Harun und Gülcan in dynamischen Karten von “Cloud-Bewegungen” festgehalten. Die Karten zeigen, wie die einzelnen Module bewegt werden und wie sie jeweils andocken. Das Storyboard dafür sind Phasen vor der Krise (präventiv), die Akutphase und Wiederaufbau / Transformation. Pilotregionen könnten das Nebrodi-Gebirge (Brandprävention), Ätna-Nord (Evakulierungslogistik) oder Süd-Sizilien (Desertifikation) sein. Das System ist adaptiv, verteilt, lernfähig, es wird von Bürger:innen getragen und erzeugt eine neue Form des “öffentlichen Raums”.

Der systematische Schlüssel dafür sind also die “Clouds”, eine lose Formation mehrere Module, die gemeinsam eine Funktion erfüllen. Beispiele dafür sind die “Rescue-Cloud” für Erste Hilfe, Unterkunft und Kommunikation, die “Agro-Cloud” mit mehreren Agrarmodulen mit Wasserstation, die “Community Cloud”, Wohn- und Gemeinschaftsmodule in Post-Desaster-Phasen und die “Fire-Response Cloud” (Drohne-, Sensor-, Labor und Löschunterstützung). Eine digitale Plattform (GPS und IoT) trackt die Module live. Bei einer Brandwarnung verlagert sich die Cloud näher, bei Trockenheit bündeln sich die Agro-Module für die Wassergewinnung. Ein Sensorsystem meldet Brandherde, Wassermangel und Evakuierungsbedarf. Das System wirkt wie ein digitales Nervensystem des Territoriums.

Der Entwurf beinhaltet ein reparatives Konzept. Das System soll nicht nur im Katastrophenfall reagieren, sondern permanent “heilen”. Es soll eingesetzt werden für die Regeneration eines Gebietes (Wiederaufforstung, Permakultur, Revitalisierung des Bodens), der sozialen Reparatur (Beteiligung der Bevölkerung, Training für neue Jobs, Einrichtung nachhaltiger Netzwerke) und für den Aufbau einer Kreislaufwirtschaft (Energieautarkie, Wasserrecycling, Kompostierung, Ubcycling). So entsteht ein Entwurf, der Territorien schützt, ökologisch “heilt”, Kommunen stärkt, mobile bleibt und eine visionäre, aber umsetzbare Alternative zum traditionellen Urbanismus darstellt.