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NEU Keep Shopping - Der Supermarkt der Zukunft NEU

Einleitung

In The Day the World Stops Shopping argumentiert J. B. MacKinnon, dass sich die ökologische Krise nicht bewältigen lasse, solange Wirtschaft und Wohlstand auf ständig wachsendem Konsum beruhen. Konsum ist dabei nicht nur ökonomische Praxis, sondern eng verknüpft mit Vorstellungen von Glück, Wohlbefinden und gesellschaftlicher Zugehörigkeit. Massenkonsum und die Identifikation mit ikonischen Produkten schaffen eine symbolische Gemeinschaft, die gemeinsame Werte und Bilder eines »guten Lebens« hervorbringt. Die Meistererzählung des »sanften, geduldigen und inklusiven« Kapitalismus des Konsums verbindet scheinbar widerspruchslos Nachhaltigkeit, Verantwortung und Flexibilität mit der fortschreitenden Ökonomisierung von Kultur und Gesellschaft. Zugleich gehen damit die zunehmende Kommerzialisierung des Alltags, die permanente Erzeugung neuer Bedürfnisse, die Privatisierung öffentlicher Räume sowie die Ausbeutung von Mensch und Natur einher. Die daraus entstehenden Konflikte werden häufig mit dem Versprechen überdeckt, dass Konsum Wohlstand sichere und es den Menschen dort besser gehe, wo sie konsumieren.

»And for God’s sake, keep shopping.«

Ein besonders starkes literarisches Beispiel für die Omipräsenz des Supermarkts ist der Roman White Noise von Don DeLillo. Die Figuren des Romans suchen Orientierung, Sicherheit und Trost und finden das im Supermarkt, der zu einem fast metaphysischen Raum stilisiert wird. Die Warenregale wirken wie ein Ersatz für Sinn. Konsum wird zur allgegenwärtigen Struktur, die das Leben organisiert. Der Supermarkt ist nicht mehr nur Ort des Einkaufs, sondern eine Totalität, die Wahrnehmung und Denken prägt.

»Die ‘Welt als Supermarkt’ meint, dass der Konsum ein System ist, das alle Kontakte mit der Wirklichkeit zu einem Kaufverhalten macht.«

In dieser Logik wird der Supermarkt zu einem Pars pro toto, alles ist verfügbar und austauschbar - eine Simulation im Sinne von Baudrillard. Der Supermarkt als Totalität ist ein Raum, in dem nicht nur Waren organisiert werden, sondern die Wirklichkeit selbst. Weil alles verfügbar scheint wird alles gleichgültig.

»Der Supermarkt ist das spirituelle Zentrum des postmodernen Kapitalismus. Die gesamte Gesellschaft kommt hier zusammen wie die Tierwelt am Wasserloch, um ihre marktwirtschaftlichen Rituale zu pflegen.«

Die Welt als Supermarkt

Der Supermarkt als Metapher der Weltgesellschaft oder als Zustand der Welt beinhaltet die Vorstellung, dass der Markt den Alltag der Menschen vollständig durchringt, Menschen primär als Konsumenten adressiert, öffentliche Räume in Konsumräume verwandelt, sogar identitäe, Geühle und Beziehungen ökonomisiert und die Welt in einen permantenten Strom von Waren und in einen durchorganisierten Marktplatz, gesteuert von Logistik, Algorithmen und Preisdruck, verwandelt. Zu dieser Vorstellung gibt es erstaunlich viel Literatur, oft unter Metaphern wie »die Welt als Supermarkt« (Houllebecq), »Konsumgesellschaft« (Baudrillard), »Hypermarkt«, »Shopping Mall Society«, »Warenwelt« oder »Supermarkt-Demokratie« (Welt).

Vielfalt wird simuliert, während tatsächliche Unterschiede schwinden. Auch das Reisen folgt zunehmend dieser Struktur. Orte werden konsumiert wie Produkte, ausgewählt, bewertet, dokumentiert. Sehenswürdigkeiten verwandeln sich in Checklistenpunkte, Erlebnisse in Content. Verfügbarkeit ersetzt Erfahrung, Vergleichbarkeit tritt an die Stelle von Bedeutung. Noch grundsätzlicher zeigt sich die Supermarkt-Logik im Umgang mit Natur. Ressourcen werden kalkuliert, Ökosysteme bepreist, selbst Emissionen in handelbare Einheiten übersetzt. Was keinen Marktwert hat, droht unsichtbar zu werden. Und schließlich betrifft diese Entwicklung den Menschen selbst. In digitalen Räumen inszenieren wir Identität wie ein Produkt, das kuratiert, optimiert und verglichen wird. Sichtbarkeit wird zur Währung, die Grenze zwischen Konsument und Ware verschwimmt.

Der Markt ist kein Ort mehr, sondern ein globales Format.

Doch die Metapher von der Welt als Supermarkt hat auch Grenzen. Der globale Supermarkt ist kein Ort gleicher Zugänglichkeit. Hinter der scheinbaren Fülle stehen asymmetrische Abhängigkeiten: Produktion wird ausgelagert, Risiken werden verlagert und Gewinne werden konzentriert. Der globale Supermarkt ist daher weniger ein Ort unbegrenzter Auswahl als ein System strenger Ordnung. Ungleichheit, politische Macht und kulturelle Unterschiede strukturieren, wer wählen kann – und wer gewählt wird. Er verspricht Freiheit, operiert aber über Kontrolle, er erzeugt Vielfalt, standardisiert jedoch zugleich. Seine Stärke liegt in Effizienz – seine Schwäche in den Kosten, die der Supermarkt auslagert.

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