Einleitung
Wohnen nach dem Ende der Sesshaftigkeit?
Wohnen gehört zu den grundlegenden Kategorien architektonischen Denkens. Seit der Moderne wird die Wohnung als räumlicher Mittelpunkt des Lebens verstanden: als Ort der Privatheit, der Identitätsbildung, der sozialen Reproduktion und der alltäglichen Verankerung. Die klassische Wohnungsarchitektur basiert auf der Vorstellung, dass Menschen ihr Leben von einem festen Ort aus organisieren. Das Zuhause erscheint dabei als stabile räumliche Einheit, welche die Funktionen des Wohnens, Arbeitens, Zusammenlebens und Rückzugs miteinander verbindet.
Gegenwärtig gerät dieses Verständnis jedoch zunehmend unter Druck. Digitalisierung, Globalisierung, flexible Arbeitsformen, transnationale Mobilität und individualisierte Lebensverläufe verändern die Bedingungen des Wohnens grundlegend. Arbeit wird ortsunabhängig, soziale Beziehungen werden digital vermittelt, Lebenswege verlaufen zunehmend multilokal und Wohnraum wird immer stärker in globale ökonomische Prozesse eingebunden. Die Wohnung verliert damit ihren Status als selbstverständlicher Mittelpunkt des Lebens. Sie bleibt zwar ein wichtiger Ort der Verankerung, bildet jedoch nicht länger den ausschließlichen Rahmen, innerhalb dessen sich Alltag, Gemeinschaft und Identität organisieren.
Die Architektur reagiert auf diese Entwicklungen mit neuen Wohnmodellen. Flexible Grundrisse, gemeinschaftliche Wohnformen, Co-Living-Konzepte, hybride Wohn-Arbeits-Strukturen oder infrastrukturelle Wohnmodelle versuchen Antworten auf die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen zu geben. Projekte wie NEXT21 in Osaka, Wohnregal in Berlin oder die Transformationen von Lacaton & Vassal zeigen, dass sich die Disziplin zunehmend von der Vorstellung der statischen Wohnung löst. Dennoch bleibt offen, ob diese Projekte lediglich Anpassungen bestehender Wohnformen darstellen oder ob sie auf eine tiefgreifendere Transformation des Wohnens selbst verweisen. Die architektonischen Projekte sind daher nicht das eigentliche Erkenntnisinteresse dieses Beitrags. Sie werden vielmehr als Symptome eines tieferliegenden gesellschaftlichen Wandels verstanden. Die entscheidende Frage lautet nicht, wie Architektur auf veränderte Wohnformen reagiert, sondern wie sich das Wohnen selbst unter den Bedingungen von Globalisierung, Mediatisierung und Individualisierung verändert.
Zielsetzung und These
Gegenwärtig verändert sich nicht nur die Form des Wohnens, sondern auch sein ontologischer Status. Die traditionelle Vorstellung der Wohnung als stabiler Mittelpunkt des Lebens verliert unter den Bedingungen von Globalisierung, Digitalisierung und Individualisierung zunehmend ihre Selbstverständlichkeit. Arbeit, Kommunikation, Konsum und soziale Beziehungen lösen sich von festen Orten und werden Teil globaler Netzwerke und transnationaler Ströme. Wohnen erscheint dadurch immer weniger als territorial verankerte Praxis und zunehmend als bewegliches Gefüge räumlicher, sozialer und medialer Beziehungen.
Zur Analyse dieser Entwicklung greift der Beitrag auf den Begriff der De-Territorialisierung zurück. Besonders fruchtbar erweist sich dabei die Theorie der globalen kulturellen Ströme von Arjun Appadurai. Mit seinen Konzepten der »Ethnoscapes«, »Mediascapes«, »Technoscapes«, »Finanscapes« und »Ideoscapes« beschreibt er eine Welt, in der Menschen, Bilder, Technologien, Kapital und kulturelle Vorstellungen ihre Bindung an konkrete Territorien verlieren und in globale Zirkulationszusammenhänge eingebunden werden. Aus dieser Perspektive erscheint auch das Wohnen nicht länger als ortsgebundene Praxis, sondern als Teil komplexer globaler Ströme. Die Wohnung wird zum Knotenpunkt verschiedener Scapes.
Gleichzeitig lässt sich beobachten, dass die Auflösung traditioneller Ortsbindungen neue Formen der Verankerung hervorbringt. De-Territorialisierung führt nicht zur vollständigen Entgrenzung des Wohnens, sondern erzeugt neue Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, Gemeinschaft und Resonanz. Dieser Prozess kann als Re-Territorialisierung verstanden werden. Während Appadurais Scapes die zunehmende Entkopplung des Wohnens von festen Orten erklären, liefern die Atmosphärentheorie Tonino Grifferos, Michel Maffesolis Konzept der »Neo-Tribes« sowie Tim Ingolds Dwelling Perspective theoretische Werkzeuge, um die gegenläufige Bewegung neuer Verankerungen zu beschreiben.
Griffero zeigt, dass Menschen nicht allein in Gebäuden, sondern in Atmosphären wohnen. Maffesoli macht deutlich, dass Zugehörigkeit zunehmend über affektive Gemeinschaften entsteht, die weniger durch Institutionen als durch geteilte Erfahrungen, Stile und Emotionen zusammengehalten werden. Ingold schließlich löst den Wohnbegriff aus der Architektur heraus und versteht Wohnen als ein Geflecht von Lebenslinien und Beziehungen innerhalb einer Landschaft. Zusammengenommen beschreiben diese Ansätze unterschiedliche Formen der Re-Territorialisierung des Wohnens.
Die grundlegende Annahme dieses Beitrags lautet daher, dass die Wohnung nicht länger die kleinste Einheit des Wohnens darstellt. Wohnen entsteht heute innerhalb komplexer räumlicher, sozialer, medialer und atmosphärischer Zusammenhänge, die über die Grenzen einzelner Gebäude weit hinausreichen. Nicht die Architektur verändert sich und deshalb das Wohnen. Vielmehr verändert das Wohnen seinen ontologischen Status, und die Architektur reagiert darauf.
Zeitgenössisches Wohnen lässt sich weder als ortsgebundene Praxis noch als infrastrukturell organisierte Vernetzung verstehen. Unter Bedingungen globaler De-Territorialisierung löst sich die Wohnung als stabiler Mittelpunkt des Lebens auf und wird Teil transnationaler Ströme von Menschen, Medien, Kapital und Technologien. Gleichzeitig entstehen neue Formen der Re-Territorialisierung, die nicht auf Territorium, sondern auf Atmosphäre, Affekt und relationaler Einbindung beruhen. Wohnen konstituiert sich daher nicht im Raum oder im Netzwerk, sondern im Spannungsfeld von globaler Entkopplung und situativer Verankerung.
Der Beitrag entwickelt hierfür das Konzept der assoziativen Wohn-Landschaft als theoretische Figur, die Wohnen als dynamische Konstellation von Orten, Atmosphären, sozialen Beziehungen und medialen wie materiellen Verflechtungen fasst.
Vor diesem Hintergrund versteht sich der Beitrag als Versuch, eine alternative Theorie des Wohnens für das 21. Jahrhundert zu entwickeln. Während große Teile der gegenwärtigen Architekturtheorie weiterhin zwischen Ort und Infrastruktur, Sesshaftigkeit und Mobilität, Privatheit und Vernetzung oszillieren, schlägt das Konzept der assoziativen Wohn-Landschaft eine Perspektive vor, die diese Gegensätze nicht auflöst, sondern produktiv miteinander verschränkt. Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr, wo Menschen wohnen, sondern in welchen Beziehungen, Atmosphären und Gemeinschaften sich Wohnen heute überhaupt konstituiert.