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ArchPhilo WS 2023-24 / Ein Garten voller Ideen und Geschichten

THESE 10: Ein Garten voller Ideen und Geschichten

András Szántó: Imagining the Future Museum. 21 Dialogues with Architects, Berlin 2022, S. 22-32.

Das Konzept »Grünraum«

András Szántó spricht mit Kulapat Yantrasast von Why Architecture

Die Herausforderungen für unsere Generation sieht Kulapat Yantrasast nicht darin, ein Museum immer noch moderner zu machen, mit mehr Glasflächen und noch mehr Öffnungen. Wir sind heute in der »post-look-at-me«- Zeit angekommen, wo Museen nicht mehr nur spektakulär sein sollten. Früher folgte man beim Museumsbau der Idee, dass ein »großer Bauherr und Architekt am besten wissen«, was es brauche. Auftraggeber und Architekt waren zwei Experten, die ein kulturelles Projekt machten, das erst in einem zweiten Schritt öffentlich wurde. Natürlich, einige Museen, die so entstanden sind, haben auch gut funktioniert oder tun es immer noch. Aber viele andere sind gescheitert. Kulturen sind heute nicht mehr das Produkt von Eliten und Museen sind keine Orte exklusiver Auswahl. Statt der Obsession für das Genie des einsamen Wolfes sollte unsere Generation den Fokus auf die Entwicklung eines großen, inklusiven Orchesters richten und keine elitäre Primadonna anbeten. Museen sollten Orte der Empathie werden. Was bedeutet das?

Architektonisch gesehen ist es für unsere Generation wichtig, dass wir nicht nur den Stil eines Gebäudes verändern, indem wir immer neue Komponenten hinzufügen, wie zB. co-working oder cafés. Wichtiger ist, den Prozess, mit dem ein Museum entsteht, radikal zu demokratisieren. Es braucht mehr Partizipation. Man startet damit, dass man die Menschen, deren Kultur gezeigt wird, im Prozess engagiert und ermächtigt (empowering), anstatt einfach vom vermeintlichen Wissen auszugehen, welche kulturellen Programme und Repräsentationen sie brauchen. Architektonisch betrachtet wurden die meisten historischen Museen als Tempel konzipiert - mehr für den Kult wie für die Kulturen. Aber das Museum als Tempel ist ohnedies schon out. Was wir heute brauchen, ist ein Museum als neue und inklusive kulturelle Plattform. Wenn es uns nicht gelingt, diesen Schritt in der Museumsarchitektur zu machen, wird das Museum als soziale Institution irrelevant. Es wird nicht mehr zu den neuen Programmen passen, die Gesellschaften brauchen, um wachsen und sich als ein Ganzes entwickeln zu können. Das Museum der Zukunft sollte es ein Hybrid sein von sozialen und kulturellen Berührungspunkten. Es sollte Synergien bilden mit anderen sozialen Einrichtungen - einer Schule, einem Hotel, dem Arbeitsplatz, aber auch mit Wohnprojekten oder zB. einem Altersheim. Es gibt schon Ansätze, die in diese Richtung gehen, Projekte, die »cultural hubs« erzeugen auf dem Weg der Gastfreundlichkeit, des co-workings und sozialer Netzwerke. Das Museum könnte profitieren, wenn es sich an solchen hybriden Ansätzen orientiert.

Vom Standpunkt des Architekten aus betrachtet sind die Vernetzung und das Verweben der Komponenten eines Museums die Schüssel zum Erfolg. Ergänzend zum kulturellen Inhalt geht es bei der Erfahrung in einem Museum absolut um den Menschen. Museen sind soziale Erfahrungen. Es geht um Bürgerstolz und den Aufbau von Empathie. Selbst im Kontext der Digitalisierung erfüllen Museen eine wichtige Aufgabe, denn Menschen suchen nach etwas Realem, an dem sie sich festhalten können. Über diese Rolle hinaus werden Museen in Zukunft als kulturelle Zentren (cultural hubs) und Orte der Bürgerbeteiligung fungieren, um Menschen zu verbinden, Geschichten auszutauschen, gemeinsame Aktivitäten zu organisieren und gegenseitiges Verständnis zu fördern. Das Museum hat unendlich viele Möglichkeiten, um Dialoge und kulturelle Interaktionen zu fördern.

In Zeiten der Krise sollte der Architekt keine Primadonna sein, sondern ein empathischer Dirigent, der die verschiedenen Stimmen im Orchester zusammenführt. Er hört zu, beobachtet und versucht, die Gemeinschaft zu verstehen, für die er arbeitet. Gelingt es ihm, all die Stimmen zu einem Mix zu verweben und eine inklusive Lösung zu finden, die diese neue Komplexität beherbergen kann, dann schafft er ein Museum als Ort der Empathie, ja sogar für den Weltfrieden.

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