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ArchPhilo WS 2023-24 / Ein offenes Feld der Akzeptanz

THESE 9: Ein offenes Feld der Akzeptanz

András Szántó: Imagining the Future Museum. 21 Dialogues with Architects, Berlin 2022, S. 211-221.

Das Konzept »Grünraum«

András Szántó spricht mit Sou Fujimoto.

Sou Fujimoto ist der Architekt des Hauses der Musik im Városliget, dem Budapester Stadtpark. Das Haus der Musik steht mitten im Wald, die alten Siberpappeln scheinen regelrecht in den Saal hineinzuwachsen, denn nur bis zu 12 Meter (!) hohe Glasscheiben trennen das Innen vom Außen. Das Gebäude gleicht dem durchlöcherten Hut eines rieseigen Pilzes mit 80 Meter Durchmesser. Die Besucher können nicht nur Musik genießen, sondern sich zu den Hintergründen der Musikgeschichte und -kultur informieren. Die multifunktionale Kultureinrichtung ist Musikmuseum, Konzerthaus und Ausbildungsstätte in einem.

Der Architekt will mit seinem Projekt Architektur und Natur verbinden. Tatsächlich löst sich im Spaziergang durch den Park der natürliche Wald zu einem künstlichen, architektonischen auf, weil sich der Besucher fast unvermittel unter einem großen, goldenen Blätterwald wiederfindet. Museen sind in der Regel super-kontrollierte Räume. Fujimoto versucht, mit seiner Orientierung an der Natur, einen völlig neuen Ansatz, der auch weit über die bloße Wald- und Laubmetaphorik hinausgeht. Natur ist für ihn nicht nur Grünraum, sondern auch eine Erfahrung, die einzigartig und unwiederholbar ist, wie das Leben. Würde es Museen gelingen, einen solchen singulären Moment umzusetzen, dann würde das bedeuten, dass sie die Erfahrung von Kunst nicht mehr kontrollieren. Museen wären dann ein ganz eigener Raum der Kunsterfahrung, die sich der Erfahrung der Natur angleicht.

Der Raum des Museums ist für Fujimoto das Egebnis von offenen Zwischenräumen. Er entsteht zwischen der Architektur und der Natur. Dieser Raum erfordert Beobachtung und Anteilnahme. Er muss auf der Grundlage funktioneller Erfordernisse und durch einen behutsamen Umgang mit den ortsspezifischen Gegebenheiten ausgelotet werden. Ein Beispiel dafür findet der Architekt in der Tradition des japanischen Gartens, der ein dynamisches Konzept ist, er verändert sich ständig und bleibt doch seinem Wesen nach gleich. Eine weiße Schachtel oder eine schwarze ist im Grunde immer dasselbe. Wenn sich die Situation dauernd ändert - so wie auch unser Leben - dann sollte man Kunst oder den Raum dafür als etwas erfahren, was singulär ist. Es wäre großartig, wenn man Kunstwerke in einem singulären Moment erfahren könnte, meint der Architekt.

Das Museum ist für ihn ein Ort, wo Menschen auf etwas Unerwartetes treffen. Sie sollten aus dieser Begegnung mit dem Unverhofften Freude schöpfen, denn in der Interaktion mit der Kunst und anderen Menschen findet der Mensch die Möglichkeit, sich selbst zu verändern. Fujimoto betont das Moment der Kontingenz und des ständigen Wandels. Das Museum ist ein Ort der Diversität, der den Boden für die Akzeptanz unterschiedlichster Arten von Aktivitäten und Kunstformen schafft, aber auch der verschiedenen Aspekte von Natur. Enstprechend sollte die Architektur eines Museums nicht ein Tresor sein, mit dem man Dinge einschließt und andere ausschließt, sondern ein offenes Feld der Akzeptanz von Verschiedenheit.

Fujimoto spricht von einer Architektur, die sich graduell, dh. in vielen Abstufungen entwickelt. Er stellt sich vor, eine kleine Stadt zu entwerfen, nicht eine verrückte futuristische Stadt, sondern mehr wie eine kleine Gemeinschaft. Normalerweise stehen Architekten vor einem Baugrund mit Grenzen und müssen darin ihre Architektur platzieren. Für Fujimoto sind aber die Aktivitäten auf der Straße und deren Verbindung mit der Landschaft, all diese Zwischenraum-Situationen, interessanter. Er möchte sie alle in einem starken Konzept eines Entwurfs zusammenzufassen. So eine Ganzheit findet man gewöhnlicherweise nicht in einem Gebäude, aber sie könnte in der Ecke eines Dorfes passieren. Man könnte eine Straße und die Landschaft reorganisieren, um daraus Mixturen von Architektur, Landschaft und städtischem Leben schaffen, bei denen verschiedene Programme zusammenarbeiten. So könnte man eine kleine Gemeinschaft entwerfen. Mit anderen Worten: Eine ganze Region oder eine ganze Stadt könnten ein Museum sein.

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