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ArchPhilo WS 2023-24 / Eine Oase kann dein Leben retten

THESE 11: EINE OASE KANN DEIN LEBEN RETTEN

András Szántó: Imagining the Future Museum. 21 Dialogues with Architects, Berlin 2022, S. 33-43.

Das Konzept »Plattform für Freiheit«

András Szántó spricht mit Paula Zasnicoff Cardoso & Carlos Alberto Maciel von Arquitetos Associados, Belo Horzionte, Brasilien.

Brasilien hat nicht nur ein reiches Erbe an Bauten der Moderne, sondern ist einen ganz eigenen Weg gegangen, wenn es darum ging, Architektur in die Landschaft unter den spezifischen Bedingungen des Klimas zu intergrieren. Das MASP Gebäude in Sao Paulo von Lina Bo Bardi ist ein besonders Beispiel für die gelungene Integration des Gebäudes in das urbane Umfeld - die Straße - mit einer kontinuierlichen Plattform unter dem Gebäude, die einen wichtigen öffentlichen Raum schafft. Die Idee der Integration in den öffentlichen Raum und die Natur, entstehen natürlich an der Speerspitze unseres heutigen Denkens über Museumsarchitektur. Brasilien ist aber auch deshalb interessant, weil wir gerade einen historischen Moment der Revision des westlichen und des kolonialen Narrativs erleben. Das bedeutet, dass es um die Schaffung von Räumen für Gemeinschaften geht, die historisch gesehen zum Schweigen gebracht worden sind, Frauen, indigene Völker, Minderheiten. Parallel dazu ist Brasilien eine Petrischale für die weltweit sich abzeichnende politische Polarisierung, die Umweltkrise, steigende Ungleichheit und extrem konservative Regierungen, die an die Macht kommen. In diesem Kontext entwickeln sich Museen zur Inklusion von minoritären Narrativen. Das ist ein vielversprechender Pfad, aber auch ein sehr schwieriger. Museen sollten immer Verschiedenheit willkommen heißen, auch Unsicherheiten und sogar Konflikte.

Arquitetos Associados bewegen sich in Richtung eines Entwurfsansatzes, der sich auf die Gemeinschaft bezieht und spezifische Merkmale der Landschaft berücksichtigt, in die das Museum implementiert werden soll. Wichtig sind den Archiekten die Aussage, die von der Tektonik vermittelt wird, die Flexibilität als Antwort auf eine unvorhersehbare Welt und die urbane Bedingung, dh. wie ein Gebäude als Teil des größeren Systems der Stadt betrachtet werden kann. Auf der theoretischen Basis der Texte von Henri Lefebvre arbeiten sie an einer Architektur, die nicht mehr zwanghaft ist und unterdrückt, sondern an einer Architektur, die verschwindet. Dafür verwenden sie lokale Bautechniken und Materialien, um auf die lokalen Besonderheiten und die Umweltfrage im Allgemeinen eingehen zu können. Sie benutzen die Metapher eines elastischen Handschuhs des brasilianischen Kritikers Mário Pedrosa im Zusammenhang mit Museen und die Art und Weise, wie sie sich auf Gemeinschaften und Kultur beziehen.

Museen werden in Zukunft mehr in der Gemeinschaft verankert und sozial engagierter sein. Das ist die neue Software. Wie kann dieses Vorhaben in Stein, Glas und Holz übersetzt werden? Paula Zasnicoff Cardoso & Carlos Alberto Maciel erläutern das Konzept der »namlosen Räume«, die sich auch in der Moderne Brasiliens finden. Dabei handelt es sich um undefinierte Räume, wie zB. die Plaza unter dem MASP und ein freischwebendes Dach von Niemeyer. Diese Räume haben eine große architektonische Qualität, aber keine funktionelle Determiniertheit. Sie sind nicht vorgegeben, sondern können von den Menschen erobert werden in ihren alltäglichen Aktionen. Das ermöglicht die Reduktion von Kontrolle und Hierarchie. Das Museum kann eine Art Oase sein sollte, sofern es sich um einen Ort handelt, der alle Besucher auf-nimmt und ihnen weitreichendere Visionen der Welt ermöglicht. Das Museum sollte nicht nur Kunstwerke, sondern auch den Konflikt beherbergen. Das genau möchten die beiden Architekten mit den »namenlosen Räumen« tun. Sie können beides aufnehmen, den Konflikt und die Wunder - so wie es der urbane Raum tut. Sie ermöglichen es den Menschen, nicht nur andere zu erhziehen, sondern auch sich selbst.

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