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ArchPhilo WS 2023-24 / Eine Landschaft von Möglichkeiten und Aktivitäten

THESE 15: Eine Landschaft von Möglichkeiten und Aktivitäten

András Szántó: Imagining the Future Museum. 21 Dialogues with Architects, Berlin 2022, S. 96-106.

Das Konzept “Kontext ist alles”

András Szántó spricht mit Stefan Schütz von gmp (Gerkan, Marg & Partners Architects, Hamburg, Berlin u.a.)

Stefan Schütz arbeitet für gmp (Gerkan, Marg und Partner) einem deutschen Architekturbüro, das mit dem Um- und Erweiterungsbau des Chinesischen Nationalmuseums beauftragt wurde. Es ist das größte Museum der Welt und vereint das ehemalige Chinese History Museum mit dem Chinese Revolutionary Museum. Das Bauwerk markiert am Platz des Himmlischen Friedens und in direkter Nachbarschaft zur Verbotenen Stadt bis heute einen Meilenstein in der neueren chinesischen Architekturgeschichte. Die deutsch-chinesische Zusammenarbeit am größten Museum der Welt ist das Ergebnis langjähriger diplomatischer Vermittlung. Im Gespräch mit András Szántó geht Schütz darauf ein, wie seiner Meinung nach das Museum der Zukunft aussehen müsse:

Das Museum der Zukunft ist nicht mehr nur ein Container für Kunst und Ausstellungen. Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass das Museum ein monofunktionales Gebäude ist und lernen, dass es zuerst und allererst ein Ort ist für die Menschen. Die Menschen sollen das Programm des Museums beeinflussen können. Deshalb müssen wir Räume für Partizipation schaffen (»maker spaces«). Wir müssen uns auch von der Vorstellung trennen, dass ein Museum eine reine Touristendestination ist. Leute verändern ihr Reiseverhalten wegen des Klimawandels. Warum sollte es beim Museumsbesuch anders sein? Das Museum sollte mehr und mehr den Menschen dienen, die dort leben, wo das Museum steht.

In Das Museum der Unschuld schreibt Orhan Pamuk: »Museen sind Orte, wo Zeit in Raum übersetzt wird«. Die Erwartungen, die Menschen in diesen Raum setzen, werden sich ändern. Schütz meint, die Idee des Schaulagers, eines offenen Warenhauses, die Herzog & De Meuron um 2002 eingeführt haben, werde der große Trend bleiben. Diese Idee knüpft an die Wunderkammer des 16. Jhrts. an. Sie wird nicht den White Cube ersetzen, aber sie könnte sich parallel zum Ausstellungsraum etablieren.

Das Museum der Zukunft verwandelt die Besucher in aktive Teilnehmer, die Besucher werden in Zukunft noch mehr zu Akteuren werden. Wenn wir wollen, dass sie sich aktiv engagieren, brauchen wir die richtigen Räume dafür (»co-working spaces« und »labs«). Transparenz und Offenheit bedeuten nicht nur, dass man durch Wänder hindurchsieht. Vielmehr geht es darum, verschiedene Aktivitäten zuzulassen, angefangen von der Wissenschaft über Forschung bis zur Verwaltung und Erziehung, das alles sollte im Museum sichtbar sein, alles zugleich. Wenn man sich auf das Gebäude zugeht, sollte es einladend sein. Beim Kulturpalast in Dresden hat das Team von gmp an ein städtisches Wohnzimmer für viele Menschen gedacht: Man fühlt, dass man eingeladen wird in dieses Haus zu treten, mit Pflanzen und einem Wohnraum mit großzügigen Sofas anstatt harter Kanten. Das Museum der Zukunft wird in die Stadt oder in die Natur auslaufen. Sobald man eintritt, sieht man eine Vielzahl unterschiedlicher Aktivitäten: Ausstellungen, Workshops und offene Plattformen für Diskussion und Erziehung. Das Museum der Zukunft wird eine Landschaft von Möglichkeiten und Aktivitäten sein.

Wir sollten Raum vorsehen für alles, was in der Zukunft geschehen wird. Am Beispiel des Kulturforum-Komplexes in Berlin erläutert Schütz, dass sich die urbanen Bedingungen für den Bau eines Museums schon während der langen Planungsphase grundlegend verändern können. Was wir heute als »Museum« bezeichnen, wird in Zukunft vielleicht etwas ganz Anderes beherbergen. Das ist der Grund, warum Flexibilität wichtig wird, wenn wir an einen langen Zeitraum in der Zukunft denken wollen. Daraus kann sich etwas durchaus Positives entwickeln, denkt man zB. daran, dass mit den Elektroautos in Zukunft das Kulturforum eine grüne Insel werden könnte und damit tatsächlich ein neues Forum inmitten der Stadt. Gleichzeitig sollten wir aber auch, wann immer das möglich ist, existierende Gebäude verwenden und sie entsprechend umbauen.

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