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Entwerfen EM2: ORBITAL SS 2025

Gregor Friedrich von Drygalski

Pointcloud Habitat

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Gibt es ein radikal subjektives Wohnen? Inspiriert von Uexkülls Behauptung, jedes Lebewesen konstruiere seine ganz spezifische Umwelt, entwirft Gregor einen Raum, der sich aus der Bewegung eines Astronauten ergibt, zwischen dem Mikro- und Makroskoptischen, so wie bei „Powers of Ten" von Charles und Ray Eames. Der Anstoß zum Entwurfsprojekt kommt von der Beobachtung auf kleinster Ebene: Im Vergleich zum Menschen haben andere lebende Organismen ein anderes, manchmal erstaunlich ausgefeiltes Sensorium, mit dem sie mit ihrer Umgebung interagieren und in ihr existieren. In ähnlicher Weise ist diese Sensibilität gegenüber ihrer unmittelbaren Umgebung (der „Umwelt“) ein Merkmal der Künstler unter uns. Dieses Projekt bietet eine Untersuchung der Interaktion zwischen einem Astronauten und der von ihm geschaffenen Umwelt: Der Astronaut bewegt sich in keinem gegebenen Raum, er lässt ihn erst entstehen durch seine Bewegung und Intentionalität. Die Punktwolke reagiert auf seine Präsenz, Objekte materialisieren sich aus der Umgebung, nur um wieder zu verschwinden, wenn sie nicht mehr gebraucht werden. So entsteht ein Habitat aus „informierter Materie", in Echtzeit und radikal kontextualisiert. Der Entwurf betrachtet das Wohnen in Bezug auf seine materiell-informativen Eigenschaften und stellt die Tendenz in Frage, eine Zeichnung entweder als Karte einer objektiven Situation oder als Dokument einer subjektiven Situation zu betrachten. Materie und Information sind ununterscheidbar, Subjekt und Objekt auch.

 

Als Antwort auf die Herausforderungen des „Wohnens“ schlägt Gregor ein expandierendes Format vor, das die Wände der traditionellen Wohnung für Mikrowelten, urbane und planetarische Welten öffnet, für natürliche wie für „Online“-Umgebungen. Diese Umgebung wird als Pointcloud simuliert, die im Video als rotierende Skulptur auftaucht. Diese „Skulptur“ geht zurück auf Joseph Beuys' Begriff der „sozialen Plastik“ als Art und Weise „wie wir unsere Gedanken in Worte fassen [und] wie wir die Welt, in der wir leben, formen und gestalten“. Die Faszination, die vom Medium ausgeht, rührt von der Vorstellung her, dass es sich um ein Werk handelt, das in Beziehung zu seiner Umgebung unmittelbar in der Gegenwart entsteht, auftaucht und wieder verschwindet. Der entstehende Raum ist gleichzeitig illusionistisch und halb undurchsichtige Partikelwelt. Damit werden Erwartungen stets unterlaufen, um unerwartete Räume zu öffnen.

 

In über 4500 Einzelbildern wurde Szene für Szene, Frame für Frame das Zusammenspiel von Figur, Kamera und Umgebung animiert. Wie in den Filmen David Lynchs entsteht Spannung nicht durch Handlung, sondern durch Ungewissheit, durch das permanente Schweben zwischen Realität, Wahrnehmung und Projektion. Die leere wird zum aktiven Medium. So entsteht eine neue Art von „Umwelt“ aus informierter Materie (der Unterschied von Materie und Information ist aufgehoben), die vom Menschen im Moment seiner Aktivität geformt wird. Sie besteht aus der Summe aller vom Menschen verursachten Veränderungen. Im Projekt interagiert die Techno- mit der Biosphäre und bildet ein neo-natürliches Phänomen.