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Entwerfen M2 SS 2025 ORBITAL

Samaneh Aslani

Gebärende Felder

Die „Gebärenden Felder" von Samaneh Aslani sind ein kritischer Kom­mentar auf die „Superstructure" von Superstudio, einem der wenigen ikonischen Architekturbüros, die für Furore sorgten, ohne jemals gebaut zu haben. Sie schlugen Ideen wie Anti-Design oder Anti-Architektur vor und kommentierten damit die soziale und politische Dynamik ihrer Zeit. Dem Bedürfnis nach einzigartigen Objekten setzten sie ein einfaches schwarz-weißes Rastersystem entgegen als Symbol für den gleichbe­rechtigten Zugang zu wichtigen Ressourcen und Technologien. Die „Ge­bärenden Felder" sind nicht mehr so abstrakt und auch nicht so naiv wie ihr Vorbild, sondern eine Form, die Begehren, Fantasie und Fetischas­pekte mit aufnimmt. Und ein existenzielles Moment. Jede Insel inmitten der Superstruktur erzeugt ein eigenes Narrativ: Der goldene „Baum des Lebens" aus Kabeln, das verkabelte Mädchen oder die Kuh im gläser­nen Stahlgerüst, die an Damian Hirst erinnert. All diese Elemente ver­weisen auf eine Welt, in der gilt: Sein heißt Verbunden-Sein. So entsteht eine Welt, die das Wohnen ganz ohne Wände territorialisiert und damit - anders als bei Superstudio - keinen Raum der Freiheit entwirft, son­dern einen, der ungreifbar zwischen Utopie und Dystopie oszilliert.

Julian Freisinger

Free solo

Julian Freisinger führt den Kletterer als neuen Akteur in der Architektur ein und nähert sich so der Disziplin von ihren Rändern her. Auch Mclu­han schrieb über Medientheorie und behandelte dabei über weite Stre­cken Phänomene, die kaum je zuvor als Medien betrachtet wurden, etwa elektrisches Licht, das Wohnen oder das Auto. Warum sollte man nicht einfach sagen können: Der Kletterer „wohnt" - zumindest in einem be­stimmten Sinne. Julian entwickelt seinen Entwurf auf der Grundlage eines Kletter-Topos. Auf diese Weise gelangt er zu einem Phänomen, das dynamisch und kontingent ist. Sein Projekt verwandelt die Felswand in ein Patchwork lokaler Situationen und verschweißt es zu einem Konti­nuum. Das „Wohnen" des Kletterers kann nichts anderes sein als ein Provisorium, weil das Spiel mit der Grenze den Plan ersetzt. Es artiku­liert sich in einem „Ankerplatz" inmitten der Felswand, in der Vertikalen, wo alles der Schwerkraft folgt. Seile, Stäbe, Karabiner und Haken sind die maximale Reduktion von einer Architektur, die den Raum nicht nutzt, sondern verhandelt. Das Biwak an der Felswand wird zum Modell für eine Architektur, die auf Kontingenz setzt.

Nicola Lachmair

Immaterialisierung des Raumes

Das Projekt von Nicola Lachmair beschreibt einen Raum, der als sensib­ler Organismus agiert, menschliche Handlungen erkennt, sie speichert und darauf reagieren kann. Die netzartige Struktur speichert Wärme, gewinnt Wasser aus Luftfeuchtigkeit und fördert durch erhöhte Feuch­tigkeit das Pflanzenwachstum - ein harmonisches Zusammenspiel von Mensch, Raum und Natur. Jede Bewegung oder Geste beeinflusst das gesamte System, wodurch der Raum ein eigenes, lebendiges „Bewusst­sein" uns ein körperliches „Sensorium" entwickelt. Dieser Raum ist nicht statisch, sondern verändert sich kontinuierlich durch das Verhalten seiner Bewohner. Raum und Bewegung sind in einem interaktiven Spiel aufeinander bezogen. Der Körper wird zum aktiven Gestalter, seine An­wesenheit formt Licht, Farbe und Struktur. Inspiriert von Yves Kleins Idee der lmmaterialität wird Wohnen hier nicht als Besitz, sondern als gemeinsames, sinnlich erfahrbares Ereignis verstanden. Der Raum ist ein soziales Resonanzfeld, in dem Menschen über feine Impulse mitein­ander in Verbindung treten. Bewegung und Begegnung entstehen zu­fällig und erzeugen neue soziale Dynamiken.

Helena Fernsebner

Palimpsest

Zwischen den Sanddünen einer endlosen Wüste erhebt sich eine gefal­tete Oberfläche - kein bloßes Objekt, sondern eine intelligente, leben­dige Struktur, die durch ihre Form und Gestalt mit der Umwelt in Bezie­hung tritt und auf der Basis natürlicher Prozesse wie Regen, Sonnenein­strahlung oder Wind mit ihrer Umgebung in Beziehung tritt. Sie kommu­niziert auch mit ihren Bewohnern, die an sie andocken können und in ihr wie in einem riesigen Archiv ihr Wissen speichern. Die Struktur sammelt Wasser, speichert Energie, bewegt sich im Wind und wandert weiter. Sie kann sich ausbreiten und ein Verbundsystem schaffen, eine lebendige Infrastruktur, in der sich digitale Nomaden in einem de-territorialisierten Zustand aufhalten. Alles hier ist offen und frei, aber auch unbestimmt. Die Struktur verbindet auch bestehende Elemente, die als Mauerreste (oft verlassen) unter ihr ruhen. Ihre Bewohner wechseln zwischen den beiden Zuständen, dem glatten Raum der „Cloud" (der Struktur) und dem gekerbten Raum darunter. Im glatten Raum gehören sie zur Zu­kunft, im gekerbten Raum zur Vergangenheit. Nur im ständigen Wechsel begreifen sie ihr Dasein und seine zeitliche Dimension.

Ramona Ruf

Wohnen unter dem Brenner

2032 wird Brenner-Basis-Tunnel (BBT ) fertiggestellt sein - aber nur zur Hälfte. Dann kommen die Architekten und machen daraus ein mutiges und visionäres Projekt. Sie betrachten den Tunnel nicht als Ergebnis, sondern als Voraussetzung für einen neuen Urbanismus. Die Städte Innsbruck und Bozen werden mit dem BBT zu einer Einheit und auch die peripheren Landschaftsräume können entlang der Strecke ressourcen­arm und effizient angeschlossen werden. Der Entwurf leitet die wichtige Transformation vom technologischen zum kulturellen Projekt ein, dh. aus der rein technischen Infrastruktur wird eine neue Konsum-, Freizeit­und Produktionswelt. Das Projekt interiorisiert alle Räume, die kein Ta­geslicht benötigen (zB. Supermarkt, Spielräume, Lager, Hallen, Server­stationen usw.) und reiht sie als „Kollektoren" auf. Außerhalb des Tun­nels entsteht eine ästhetisch anspruchsvolle und ökologisch wertvolle Landschaft. Flexible Siedlungskerne, die an den Tunnelportalen hängen, setzen sich aus Häusern zusammen, die auf ein Minimum reduziert und flexibel gruppiert werden können. Diese Wohnungen sind billig und werden mit der Energie aus dem Tunnel versorgt. Ihre Bewohner sind Pendler, die an mehr als nur einem Ort leben (multilocals).

Gregor-Friedrich von Drygalski

Pointcloud Habitat

Gibt es ein radikal subjektives Wohnen? Inspiriert von Uexkülls Behaup­tung, jedes Lebewesen konstruiere seine ganz spezifische Umwelt, ent­wirft Gregor einen Raum, der sich aus der Bewegung eines Astronauten ergibt, zwischen dem Mikro- und Makroskoptischen, so wie bei „Powers of Ten" von Charles und Ray Eames. Ein Astronaut bewegt sich in keinem gegebenen Raum, er lässt ihn erst entstehen durch seine Bewe­gung und Intentionalität. Die Punktwolke reagiert auf seine Präsenz, Objekte materialisieren sich aus der Umgebung, nur um wieder zu ver­schwinden, wenn sie nicht mehr gebraucht werden. So entsteht ein Ha­bitat aus „informierter Materie" in Echtzeit und radikal kontextualisiert. Materie und Information sind ununterscheidbar. In über 4500 Einzelbil­dern wurde Szene für Szene, Frame für Frame das Zusammenspiel von Figur, Kamera und Umgebung animiert. Wie in den Filmen David Lynchs entsteht Spannung nicht durch Handlung, sondern durch Ungewissheit, durch das permanente Schweben zwischen Realität, Wahrnehmung und Projektion. Die leere wird zum aktiven Medium. Der bewohnte Raum ist instabil, er atmet, entsteht und löst sich wieder auf.

Magdalena Benedetti

Empty Space

Architektur kann gesellschaftliche Entwicklungen hervorheben und hinterfragen. Sie kann Aussagen in überspitzter Form unmittelbar kommunizieren. Sie kann kulturelle, ökonomische und politische Mechanismen im Kern beleuchten. Und das genau macht Magdalena Benedetti mit ihrer Arbeit. Sie liefert aber keine explizite Aussage, die man gegenständlich identifizieren könnte, sondern setzt in die Mitte ihres Projekts einen leeren Raum. Dadurch entsteht ein kalkulierter Bruch zum Rest des Bildes, das wie ein Wimmelbild eine unüberschaubare Fülle suggeriert. Die „leere Mitte“ ist das Bild einer Gesellschaft, die um ihre Identität ringt. Vorbilder dafür findet sie bei Piranesi, Cedric Price und Ledoux. Magdalena gibt ihrem Projekt eine besondere Bedeutung, indem sie die leere Mitte aus einer zerbrochenen Form generiert, die fragil ist und gestützt werden muss. Sie hält den Zeitpunkt fest, als die Bewohner der Struktur ihren Zustand gerade gesichert haben. Das Projekt ensteht mehr aus dem Chaos wie aus der Ordnung. Es ist wie ein großes Fragezeichen: Wie geht es weiter? Was bedeutet es, diese Welt zu „bewohnen“?

Isabella Illenberger

No-Stop-City 2.0

Archizoom haben in den 1960er Jahren mit der No-Stop-City das Modell einer Stadt geschaffen, die nichtssagend und billig ist, rein aus der expansorischen Logik des Konsumkapitalismus entsteht und Qualität durch Quantität ersetzt. Das urbane Territorium ist ein neutrales Feld, das jederzeit besetzt, programmiert, funktionalisiert und konsumiert werden kann. Die anonymen Gebäudekisten - Supermarkt, Lager, Parkgarage - werden mit Konsumgütern ausgestattet. Neben der Utopie einer Stadt, die eigenschaftslos ist und jedem grenzenlose Freiheiten garantiert, steckt in diesen Arbeiten auch eine ironische Kritik und eine politisch radikale Botschaft. Und heute? Vieles davon scheint nicht mehr Utopie zu sein, sondern ist realisiert. Städte entwickeln sich nach einer rein ökonomischen Logik und unsere Wohnungen sind Orte der blinden Akkumulation. Das Projekt von Isabella Illenberger führt die Gedanken von Archizoom weiter. Sie ersetzt die Unendlichkeit des Rasters durch die unendliche Binnenstruktur der Mashups, die sie aus Konsumgütern kreiert. Anschließend schneidet sie ihre Objekte, um eine Architektur zu generieren, die den Hyperkonsumismus unserer Zeit ad infinitum und ad absurdum führen.

Angelika Juen-Knoll

Cubric Circle

Kowloon Walled City war eine dicht besiedelte, weitgehend unregierte Siedlung in Hongkong. Von Steven Poole als „Oase der politischen und kreativen Freiheit" beschrieben, war die ummauerte Stadt außerordent­lich überbevölkert. Angelika orientiert sich daran. Sie entwirft eine Stadt mit sehr hoher Dichte, gestapelt und labyrinthisch, aus einzelnen Mi­ni-Wohnungen bestehend, die die radikale Individualisierung unserer Zeit spiegelt. Im Urbanismus gestapelter Kuben wird das Wohnen neu definiert: Kochen, Schlafen, Wohnen, Baden wird in Kuben aufgelöst. Die Nutzer entscheiden, wie weit ihre Wohnung reicht. Gleichzeitig übernimmt Angelika das Element der „leeren Mitte" der Kowloon Walled City gleich mehrmals: Im chaotischen Ganzen liegen Hohlräume, die die Rolle von Kollektoren übernehmen. Im Wechselspiel zwischen Sloterdijks „Schaum" und der Idee kollektiver Räume liegt der Kern des Projekts. ,,Cubic Circle" nennt Angelika das räumliche System, das Wi­dersprüche nicht auflöst, sondern aus ihnen Architektur gewinnt: Ein Kreis, der aus Kuben besteht - fragmentiert, doch verbunden. So ent­stehen entweder neue Nachbarschaften, die die Wirkung der Kollekto­ren herausfordern oder eine unendliche Distanz zwischen den individu­ellen Kuben und den Attraktoren, die die Massen anziehen.

Patrick Huber

Mobile Villages

Patrick Huber interpretiert den alpinen Raum als Zirkulationssystem und entwickelt aus seinen selektiven Apparaturen ein spezifisches Profil des „Wohnens", das aus Bewegung, Strömung und Distribution besteht. Die infrastrukturelle Erschließung der Alpen in Form von Eisenbahn, Stra­ßen, Kläranlagen, Strom- und Breitbandleitungen usw. führte zu einem Raum „on the move". Auf der Basis des Seilbahnsystems entwirft Patrick ein zirkulierendes Territorium mit Aktivitäten von Freizeit, Wohnen und Arbeit. Aus dem Bahnhof als räumlich gefasstem System operativer Ab­folgen macht er eine reduzierte Servicearchitektur, die lediglich der Or­ganisation der Gondeln als elementarer Einheit dient. Alle Abläufe ver­lagern sich in die Gondel selbst, dh. in ein System prozesshafter und ständig neu kombinierbarer Raummodule. Das Projekt ist aber nicht rein technologisch, es führt zu einem kulturellen und sozialen Bewegungs­raum, weil die medialen Akte des Verknüpfens und Teilens, des Über­bringens und der Distribution unverzichtbare Operatoren einer Zirkulati­on sind, welche die Dynamik der Welt neu interpretiert. Das Projekt be­inhaltet eine einzigartige gestalterische Herausforderung, vor allem auch als Modell für eine Gegenwart, die sich mit den Herausforderun­gen des Klimawandels konfrontiert sieht.

Janina Luna Schindler

Wildes Werden

In alltagsweltlicher Hinsicht scheint uns allen klar zu sein, was mit Wohnen gemeint ist. Jeder Mensch wohnt auf die eine oder andere Art und Weise; wir haben also konkrete Erfahrungen und Assoziationen zu diesem Begriff. Wie für viele andere Phänomene stellt sich allerdings auch für eine philosophische Beschäftigung mit Wohnen die Herausfor­derung dar, das Phänomen in einen neuen, ungewohnten Zusammen­hang zu stellen. Die Arbeit von Janina Schindler führt uns in eine exis­tenzielle Sphäre. Sie entwirft eine post-apokalyptische Szenerie, in der es um das Weiterbauen geht, ohne Masterplan, als Strategie des Lebens und Überlebens. Die Mittel dafür sind bescheiden: Bambus und Schilf­rohr dienen dazu, den Ruinen der Vergangenheit etwas Neues auf­zupfropfen. Janina vergleicht das Bauen mit der Arbeit von Sisyphos, Ar­chitektur ist ein ständiges Sich-Auflehnen gegen den Verfall, ein trotzi­ges Weitermachen gegen die Absurdität der Welt. Inspirationen für ihre prozesshafte Architektur, die "wild, konkret und vernetzt" ist, findet sie bei Levi-Strauss, Price uns Rudofsky. Die Suche nach einer radikal ande­ren Form des Wohnens, das sprichwörtlich in den Himmel führt und über der bestehenden Welt ihre Blüten treibt, führt zu einem existen­ziellen Verständnis des Raumes, der erobert werden will.

Alexandra Götsch

Koexistenz

In einer Welt, die durch Klimakatastrophen, Ressourcenraubbau und so­ziale Krisen gezeichnet ist, entsteht eine Struktur, die nicht gebaut, son­dern gewachsen ist - ein lebender Organismus aus Pilzen, Algen, Treib­holz, Kompost und Fundstücken der vorherigen Welt. Architektur wird hier nicht mehr vom Menschen aus gedacht, sondern im Sinne einer Ko­existenz aller Lebensformen. An die Stelle von Kontrolle, Besitz oder Dauer treten Beziehung, Prozess und Vergänglichkeit, eine poetische Praxis des Sammelns, Aneignens und Kombinierens. So entsteht eine Collage aus Verlorenem, Vergessenem, Gewachsenem, ein lebendiges Geflecht aus Materialien, Geschichten, Wesen und Zeiten. Es gibt keinen Masterplan, keine Symmetrie - stattdessen Improvisation, Intuiti­on, Mitgestaltung. In der porösen Struktur können Insekten- und Vogel­arten nisten. Sie speichern Wasser und sammeln die Windenergie. Das Ergebnis ist kein fertiges Produkt, sondern ein Zustand. Ein sich ständig wandelnder, atmender Lebensraum jenseits anthropozentrischer Vor­stellungen von Architektur - ein Entwurf, der nicht fragt: Was wollen wir bauen? Sondern: Was will hier „wohnen"? Kompost wird zur Grundlage einer posthumanen Architektur, in der Sterblichkeit, Wandel und gegen­seitige Pflege zentrale Werte sind.

Franz Adler

Alpiner Situationismus

Aus dem Situationismus haben sich in der Architektur eine Reihe von praktischen Strategien entwickelt, die im Städtebau für Furore sorgen, wie zB. der Stadtspaziergang (dérive), das cognitive mapping (Psychogeografie), die Zwischennutzung (détournement) und die Orientierung am Alltag. Gilt das auch für das Wohnen? Das Ziel der Situationisten war es, Räume zu entwerfen, die wiederum zur Produktion von Räumen anregen. Franz Adler überträgt den Situationismus auf den alpinen Kontext. Während die Situationisten mit einer Stadtkarte von London durch Paris spazierten, verteilt er Elemente des Wohnens nach dem Zufallsprinzip auf die freie Landschaft. Vertraute Objekte werden dekontextualisiert und neu reterritoralisiret – etwa eine Waschmaschine am Gipfel oder ein Billardtisch am See. Franz analysiert die Situation und entwickelt daraus ein Programm, das sich solange transformiert, solange es offenbleibt, bis die Zeit reif ist, formale Bestimmungen zuzulassen. Bestimmend ist das Gefundene. Die Frage richtet sich nach dem Bewusstsein für die Situation eines Ortes. Das kann so weit gehen, dass der Architekt nicht interveniert, weil er erkennt, dass die Situation, so wie sie ist, bereits funktioniert. So können die Muster der konventionellen Architekturtypologie herausgefordert.

Fatima Abd Eldayem

Inversion

Herrschaftsstrukturen, Macht und Normen durchziehen die Orte unse­res Wohnens. Das Projekt von Fatima Ad Eldayem zielt darauf ab, in einer selbstbestimmten Produktion von sozialen Räumen und mit der Aneignung des öffentlichen Raums einen kreativen Zugang zu alternati­ven Räumen zu suchen. Ausgehend von Biancas "Urban Form in the Arab World" wählt sie dafür das Grundmuster der arabischen Stadt mit ihren graduellen Abstufungen in den Raumfolgen und der geschlechter­spezifischen Codierung des Raumes. Sie invertiert dieses Muster und schafft fließende Übergänge mit lang gestreckten Tischen und Teppi­chen, die mäanderartig den öffentlichen Raum mit den privaten Höfen verbinden. Zudem legt sie - nach dem Prinzip der "Stadt in der Stadt" einen Raum für die Frauen an, wo neue Begegnungen stattfinden können. Es geht nicht nur darum, Frauen per se zu unterstützen, son­dern verschiedene Lebensentwürfe zu ermöglichen - davon profitiert die gesamte Stadtgesellschaft. Flexible Freiräume ersetzen klassische Infrastrukturen: Sie dienen als Gebets- und Kochzonen, als Festplätze oder sogar als Open-Air-Bereiche für Fußballspiele. Rückzugsnischen (,,­Kur-Zonen") bieten Raum für die Regeneration von Körper und Geist.

Gehad Abdelhamid

Faltungen

Architektonische Faltung ist eingefrorene Bewegung. Falten ist eine Be­wegung. Im Projekt von Gehad Abdelhamid entsteht daraus das Wohnen. Zwei große Schalen, denen sie die Bedeutung von grundle­genden Kräften gibt, erzeugen an ihren Berührungspunkten Orte mit Ursprungscharakter. Von hier aus entstehen neue Formen, die erst "be­wohnt" werden müssen. In der Origami-Kunst verändert eine einzige Falte alles - so wie im Leben eine Entscheidung die Welt in eine neue Form bringt. Die Falte wird nicht einfach gebaut, sondern ensteht von sich aus,so wie sich die Natur im Lauf der Zeit formt, durch Bewegung, nicht durch Zwang. Jede Falte hält eine Entscheidung fest, eine Erinne­rung. Jeder Knick speichert Spannung, Geschichte und Möglichkeit. Wenn sich die Schalen umeinander legen und verweben, entstehen Hohlräume - Zonen des Lebens - und so entstehen Orte, von denen keiner isoliert ist. Wohngebiete sind das Herz dieser Stadt - sie schla­gen im Rhythmus des Alltags. Dörfer sind ihr Gedächtnis - Orte der Er­innerung , touristische und kulturelle Areale sind ihre Bühne - sie feiern und verbinden Welten, Parks und Landschaftsadern sind die Seele - sie atmen, heilen, nähren.