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Der Fall Asmara

Eritreas Hauptstadt Asmara beherbergt eine der größten Sammlungen von Architektur der Moderne weltweit und wurde 2017 von der UNESCO als Weltkulturerbe aufgenommen. Am Beispiel der Konstruktion von „Bella Asmara“ lässt sich zeigen, wie sich hegemoniale kulturelle Repräsentationsregime auf lokaler und globaler Ebene des kolonialen Architekturerbes von Asmara bedienen. Handelt es sich dabei einzig und allein um ein Rebranding der kolonialen Architektur des Faschismus für die touristische Nutzung? Die Analyse wird aus diskurstheoretischer Perspektive durchgeführt, um das Problem in seiner Ganzheit fassen zu können. So lässt sich zeigen, welche Narrative verwendet werden, um Verbindlichkeiten zu erzeugen und wie kulturelle Identitäten in einem radikalen Sinn politisch werden. Der Text beleuchtet kritisch die illusorische Verortung von Authentizität im nostalgischen Rückbezug auf das nationale Erbe und die Strategien der global players in der „Jagd nach den Trophäen der Moderne in Afrika“. Der Akt der Dekonstruktion von Bella Asmara – die Offenlegung des Moments der Dislokation – gibt denBlick frei auf die Antagonismen der hegemonialen diskursiven Ordnung der jeweiligen Repräsentationsregime, die beteiligten Akteure und deren Ziele. Anhand verschiedener fragmentarischer Porträts von Asmara außerhalb von Eritrea soll abschließend gezeigt werden, wie das koloniale Erbe im Kontext von Globalisierung, Migration und neuer Medien rezitiert wird und welche Diskursverschiebungen dabei stattfinden.

Einleitung

Unter Benito Mussolinis Herrschaft entstand in einer explosionsartigen Bauphase zwischen 1935 und 1941 ein Großteil des heutigen Architekturbestandes von Asmara und verwandelte die kleine Provinzstadt aus dem Ende des 19. Jahrhunderts zu einer größeren Stadt europäischer Prägung. Nach dem Abzug der Italiener 1941, Kriegswirren und vier Jahrzehnten äthiopischer Herrschaft blieb das architektonische Erbe lange Zeit selbst der Fachwelt verborgen. Mit der Unabhängigkeitserklärung Eritreas 1993 änderte sich das. Seither gab es mehrere Anläufe, in Kooperation lokaler Körperschaften, Experten und internationalen Organisationen wie der UNESCO, der Weltbank und der EU, der Architektur Asmaras den Status eines Weltkulturerbes zu verleihen. Nicht nur in Eritrea diskutierte man darüber, ob man Gebäude des Faschismus überhaupt unter Denkmalschutz stellen dürfe. Koloniale Städteplanung diente in der kolonialen Phase immer als Mittel zur Durchsetzung von Rassegesetzen und sozialer Segregation, andererseits setzt sich vor allem im postkolonialen Kontext das Bewusstsein durch, dass diese Architektur einen Teil der Geschichte von Eritrea darstellt und die Identität des Landes eng mit dem Erscheinungsbild von Asmara („Asmara Style“) verknüpft ist.

Am 1. Februar 2016 hat die eritreische Botschafterin in Frankreich und Delegierte der United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization (UNESCO), Hanna Simon, das Nominierungsdossier am Hauptsitz der UNESCO in Paris hinterlegt. Mit dieser Nominierung war Eritrea das erste afrikanische Land, welches die koloniale Architektur des italienischen Faschismus als Weltkulturerbe beantragte. Am 8. Juli 2017 hat das Welterbekomittee der UN-Kulturorganisation schließlich Asmara offiziell in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen. Aus diesem Anlass heraus lohnt es sich, genauer auf die Architekturdebatte rund um Asmara einzugehen und den Weg zum Weltkulturerbe zu beleuchten. Ist Asmara, so wie das offizielle Statement der UNESCO lautet, ein „außergewöhnliches Zeugnis des Städtebaus zu Beginn des 20. Jahrhunderts? Oder handelt es sich schlicht um ein Rebranding faschistischer Architektur? Wie kommt es dazu, dass eine bestimmte Wahrnehmung der Architektur von Asmara in den Prozess der Nominierung einbezogen wird, während alternative Interpretationen ausgeschlossen werden? In welchem Kontext entsteht die Idee eines Weltkulturerbes und an wen wendet sich dieser Diskurs? Welche AkteurInnen sind an diesem Diskurs beteiligt und welche Ziele verfolgen sie?

Eine Analyse der Architektur von Asmara kann durchgeführt werden im Sinne einer Bauaufnahme oder Dokumentation der Architektur und deren historischen Ableitung. Damit schafft man einen „neutralen“ Grund, der wissenschaftlich korrekt ist, aber noch keine Auskunft darüber beinhalten, welche Handlungen warum unternommen werden. Bei der Diskussion um die Aufnahme in das UNESCO-Weltkulturerbe kann man sich im Sinne einer argumentativen Diskursanalyse auf die Frage konzentrieren, warum und auf welche Art von den jeweiligen Akteuren gehandelt wird und die dabei entstehende Dynamik im Hinblick auf die Interessen und die Macht dieser Akteure erklären. Eine solche Erklärung ist naheliegend, da während des Prozesses der Vorbereitung und Nominierung eines Weltkulturerbes tatsächlich verschiedene Interessen ausgespielt werden und man am Ende argumentieren kann, dass die mächtigsten AkteurInnen das bekommen hätten, was sie wollten, oder auch nicht. Der „realistische Blick“ auf die Fragestellung, unter welchen Voraussetzungen ein Bestand den Status eines Weltkulturerbes erreicht, geht davon aus, dass es einen geraden Weg gibt vom Erkennen eines Problems zu seiner Bearbeitung. Berücksichtigt man allerdings die „Mikromächte“, die im subpolitischen Bereich am Werk sind, so erkennt man die Komplexität, aber auch neue Möglichkeiten kulturpolitischen Handelns. Man würde nämlich mit dem „realistischen Blick“, der den geraden Weg vom kolonialen Erbe zum Weltkulturerbe skizziert, ein wichtiges Puzzlestück auslassen. Bei der Debatte rund um die Aufnahme Asmaras in das UNESCO-Weltkulturerbe geht es nämlich nicht nur um Interessen und Geld, sondern um die verschiedenen Bedeutungen, die Menschen dieser Architektur beimessen, um die Art und Weise, wie diese Bedeutungen z. B. mit Überlegungen zum Stand der eritreischen Gesellschaft im Allgemeinen und dem der Politik im Besonderen verbunden sind. Im Prozess der Nominierung von Asmara können verschiedenen Diskurse ausgemacht werden, jeder davon mit einer bemerkenswert anderen Perspektive auf das Problem. Wie ist der Diskurs rund um das Weltkulturerbe aufgebaut? Welche Akteure waren daran beteiligt? Welche Argumentationen waren jeweils ausschlaggebend? Mit welchen Strategien versuchten die Akteure ihre jeweilige Meinung durchzusetzen? Unter welchen Rahmenbedingungen wurde der Diskurs geführt? …