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FWF Projekt: The Sleeping Beauty

Asmara beherbergt weltweit eines der größten geschlossenen Ensembles der Architektur der klassischen Moderne und soll möglicherweise in das Weltkulturerbe aufgenommen werden. Asmara veranschaulicht die Transformation des kolonialen Dilemmas genauso wie jene der europäischen Stadt. Die Stadt ist nicht nur die „Frozen City“ - eine Zeitmaschine, die Vergangenheit konserviert - sondern in ihrer Entstehungsphase die Zukunftsvision der europäischen Stadt in sich trug. Die eritreische Hauptstadt entwickelt diese Vision von Zukunft quasi ex-post, erstellt ein retroaktives Manifest zur europäischen Moderne und zeigt, dass dieses Manifest zwiespältig ist. Die „Neu-Entdeckung“ Asmaras seit den 1990er Jahren sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich dabei um eine Rückkehr zur „italienischen Architektur“ und zur „europäischen Zeit“(!) handelt.

Das Projekt entwickelt eine zentrale These: Asmara ist nicht nur der Ort, an dem ein „Ensemble moderner Architektur“ erhalten geblieben ist, sondern ein paradigmatischer Ort der Konservierung eines „modernistischen Programms“, das der gleichen militärischen Logik folgt, mit der sich Eritrea gegen Äthiopien durchsetzte. Erhalten geblieben ist nicht nur das Ensemble wie in einer Zeitblase, sondern auch ein „Programm“, welches das „fatale Potential der Moderne“ beinhaltet. Eritrea konserviert modernistische Tendenzen inmitten einer post-modernen Welt, ein „Experiment“, bei dem biopolitische Strategien eingesetzt werden, um das „nation-building-project“ gegen den äußeren Einfluss der Globalisierung durchzusetzen. Asmara ist ein „paradigmatischer Ort“, weder ein Avantgarde-, noch ein Anti-Moderne-Projekt, sondern eine Hypothese, welche das Leben auf. die biopolitischen Mechanismus von Produktion und Reproduktion reduziert. Damit ermöglicht diese Stadt wie keine andere eine sarkastische Analyse der Realität, in der wir leben (New Fascism). Asmara ist ein Ort für die Reflexion und die empirische Analyse der Gegenwartsgesellschaft, kein Archiv der Erinnerung, sondern ein Ereignis, das sich wiederholt. Das Projekt entwickelt die Stadt am Horn von Afrika als ein paradigmatisches Beispiel für das „biopolitische Experiment“. Es geht nicht mehr nur um die Reklamation des eigenen „europäischen Erbes“, sondern um komplexe Überschneidungsformen von Urbanismus, Militarismus und Biopolitik, in deren Spannungsfeld der historische Parameter der Stadt steht. Damit erscheint das „Weltkulturerbe“ in einem völlig neuen Licht.

Das Projekt konzentriert sich auf beides: einzelne Gebäude („iconic buildings“) und den urbanen Raum. Es berücksichtigt die Prozesse der Migration (Land-Stadt), des Bevölkerungswachstums und das daraus entstehende Ungleichgewicht. Für solche Überlegungen ist die Unterscheidung zwischen „Architektur“ (als Repräsentation) und Urbanismus wichtig. Reduziert man Asmara auf seine „signifikanten Teile“, so erhält man einen „urbanen Archipel“ von Gebäuden, eine architektonische Form, die beides zu erklären hilft: die Entstehung der Stadt und ein Verständnis davon, die autonome Form und die Auseinandersetzung mit der Urbanisierung von heute. Asmara ist das Produkt komplexer Strategien der Aneignung. Die „fotographische Repräsentation“ - die italienische „Ikone“ - ist nur eine Form der Architektur als Repräsentation neben anderen. Man bedient sich dabei der kolonialen Rhetorik. Die Eritreer haben sich die koloniale Architektur angeeignet, sie entdecken das touristische Potential ihres kolonialen Erbes, andererseits zeichnet sich eine neue Form der Instrumentalisierung ab. Heute wird dieses Bild von der eritreischen Regierung als Ikone für das eigene „nation-building-project“ verwendet. Das Projekt bleibt hier nicht stehen. Es beleuchtet die vielfältigen Strategien der Aneignung von Raum. Es gibt neben der offiziellen Planung Strategien, die sich aus dem „Urbanismus des Alltags“ entwickeln und zeigen, wie Menschen trotz schwieriger Verhältnisse kreative Nutzungsmöglichkeiten für die einzigartige Architektur ihrer Stadt finden.