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Vu’ cumprà - Handeln am Rande des europäischen Projekts

Der Text untersucht auf den Spuren von partikulären ökonomischen Kreisläufen den Fall der »Muriden«, einer Sufi-Bruderschaft aus dem Senegal, die global operiert und der in Italien ca. 100.000 Menschen angehören. Ihre Improvisationen schaffen Öffnungen für kreative Verbindungslinien zwischen dem Globalen und dem Lokalen und eine neue Perspektive auf die lokalen Effekte globaler Prozesse. Der muridische Raum kann als transistorisch und kontingent betrachtet werden, als ein Navigationsraum, aber kein Raum der Repräsentation. Die globale technologische Geographie, neue Medien und billige Flugverbindungen sind seine Voraussetzungen. Die Kreativität der Raumtaktik der Muriden führt uns ein in einen »fiktionalen Urbanismus«, großteils unsichtbar ist, instabil und emergent. Die »zirkulierende Territorien« der Muriden folgen der Logik des Performativen, in ihnen trifft das archaische Leben auf die Supermoderne.

Die globale Dynamik der Fragmentierung von Lebensräumen lässt sich mit der Theoriefigur des »Archipels« topologisch beschreiben. Damit kann gezeigt werden, wie fragmentierte Lebenswelten von Menschen über Grenzen und Länder hinweg zu einer einer kollektiven Referenz verbunden werden. Im Brennpunkt stehen die Modalitäten der Raumproduktion informeller Räume und ihre Bedeutung für neue Modelle des Zusammenlebens und des Austauschs jenseits normativer Räume und des gängigen Vokabulars dafür. Welche Territorien und Orte? Wie erzeugen Menschen Identität auf lange Distanz? Welche Rolle spielen Aneignung und Benennung des Bestandes? Welche neuen Verwendungen schaffen diese Menschen für das, was sie vorfinden?

Um auf die zentralen Herausforderungen einzugehen, denen sich das “europäische Projekt” am Beginn des 21. Jhrts. gegenübersieht, möchte ich mit der „leeren Mitte“1 dieses Projekts beginnen. Europa bildet heute nicht mehr das Gravitationszentrum der Welt, wie Achille Mbembe in seinem Buch “Kritik der schwarzen Vernunft” 2 feststellt. Andererseits reagiert es auf die Wiederkehr der Geopolitik und die Flüchtlingsströme mit einer deutlich totalisierenden Agenda, was sich am deutlichsten zeigt, wenn man den Blick auf die Ränder und Flecken des europäischen Territoriums lenkt. Dort öffnet sich eine Welt, die wir nur verstehen, wenn wir den Standpunkt wechseln, die »Spielweise ändern« («rovescio del gioco»), wie Armando Gnisci meint.3 Betrachtet man - um nur eine der äußeren Herausfordernungen zu nennen - das Phänomen der Migration, so dominierten in den letzten Jahren reaktionäre Politiken und aufwallender Populismus. Dies hat nicht zuletzt zur ernüchternden Erkenntnis geführt, dass die dem europäischen Projekt zugrunde liegen Werte nicht von allen geteilt werden. Giorgio Agamben hat seine Argumente ja nie mit der Absicht lanciert, damit zu neuen institutionalisierten Regeln für die EU beizutragen.4 Folgt man seinem Ansatz, so geht es nicht mehr darum, auf die Regeln, sondern auf die Ausnahmen zu setzen. Ereignisse, die mit Migration zu tun haben, tauchen in den Medien meist in der Form von Katastrophen oder Krisen auf. Das diffuse Gefühl, das damit verbunden ist, führt zur Annahme, die Beziehung zur Macht sei nur unter im Modus der »Ausnahme«, des »Notstandes« oder sogar des »Kriegszustandes« zu verstehen. Es verleiht den post-demokratische Regimen der westlichen Welt den Status von »Maßnahmestaaten«. Es sind aber nicht nur die Philosophen, die am großen Wurf zweifeln, auch in der Architektur hat man sich längst von den imperialen Projekten der „Weltenbaumeister“ verabschiedet, die immer irreführend waren. Architektur und Raum sind eng miteinander verwoben und interagieren ständig miteinander, aber ihre Beziehung nimmt nicht notwendigerweise die Form eines „Projekts“ an, das wie ein „Projektil“ in die Zukunft abgefeuert werden
kann. Die Krise des Projekts beinhaltet eine Abkehr von den Prinzipien des Ordnens hin zu einer Vision der Vervielfachung und der Vermischung, welche die amalgierende Kraft der Architektur und neue Impulse für aktuelle Fragestellungen zur Gefährdung der Demokratie in der Gegenwart fordert.