Zum Inhalt springen

Europäisch & grün: Das Neue Bauhaus

[Aus dem Interview von Juliane Nagiller mit Peter Volgger]

Das Europäische Bauhaus – worauf möchte man da anspielen?

Das Europäische Bauhaus zitiert seinen Vorläufer, das historische Bauhaus der Zwischenkriegszeit. Es zitiert damit eine Pathosformel der Moderne. Mit dem Bauhaus verbunden ist nämlich der Glaube der Moderne daran, dass man mit Design die Welt verbessern kann. Das Bauhaus ist Avantgarde, es ist ein Prototyp für die Welt. Es geht dabei nicht nur um perfekte Ästhetik, also um das, was man im Allgemeinen mit dem Bauhaus verbindet, sondern auch um politische Prozesse, um eine neue Lebensweise, um die Frage des Wohnens, der Gleichberechtigung, um neue Arbeitsformen und Internationalität. Kurz: Das Bauhaus steht für den gesellschaftlichen Aufbruch. Diesen Aufbruch brauchen wir heute dringend, um aus den vielen Krisen herauszukommen, in denen Europa steckt. Auch das NEB soll ja ein Prototyp für die Welt sein. Auch bei ihm geht es um den gesellschaftlichen Aufbruch.

Beim NEB geht es auch um eine spezifische europäische Bildpolitik, dh. darum, ein kollektives Imaginäres zu schaffen, so etwas wie eine zentrale Metapher. Das hat mit der Geschichte der EU zu tun, die entstanden ist in einer Zeit, als das Ikonische unter Verdacht geriet: Die EU ist das Gegenprojekt zum Nationalstaat und zu dessen Symbolik. Die EU muss deshalb nach eigenen Bildern suchen. Das NEB steht in einer langen Tradition der Metaphernbildung, zu der unter anderem das „europäische Fahrrad“ von Jacques Delor gehört als Bild für den Einigungsprozess, der nie stillstehen darf, oder das Bild der „europäischen Baustelle“, aber auch die vielen Bildmotive auf den Geldscheinen gehören dazu, mit denen die EU tagtäglich in unseren Alltag tritt. Neben dem historischen Bezug entsteht also eine brennende Frage der Gegenwart: Wie erreicht die EU ihre Bürger*innen? Wie kann das NEB den Wandel, den wir alle erwarten, im Leben der Menschen erfahrbar machen?

Warum ist es essentiell, dass der Wandel erfahrbar wird? Erreicht das die Bauhaus Initiative?

Die EU-Kommissionspräsidentin sagt ja, das NEB müsse ein kulturelles Projekt sein, das im Alltag der Menschen wahrnehmbar ist, also dort erfahrbar ist, wo die Menschen leben und arbeiten. Damit kann man zeigen, dass Top-Down-Projekte nicht zwangsläufig gigantomanisch sind und dass Europa im Alltagsleben der Menschen nicht abwesend ist (gegen das Argument der Populisten). Die Frage ist: Wie lanciert man heute überhaupt noch ein „großes Projekt“?

Eine interessante Antwort darauf liefert die politische Theorie der Hegemonie von Chantal Mouffe und Ernesto Laclau (Theorie der radikalen Demokratie, dh. es geht um die Frage: Was wäre, wenn man dieses Projekt radikaldemokratisch verhandeln würde?). Für die beiden steht im Zentrum eines jeden Projektes („Green Deal“, „Europäischen Projekts“, „NEB“) der sogenannte „leere Signifikant“, das ist ein Bedeutungsträger, der selbst bedeutungsleer ist. Das muss er sein, damit er elastisch genug ist, um möglichst viele partikuläre Momente aufnehmen zu können. Deshalb ist das NEB auch sehr weit gefasst: Es beinhaltet Design, Nachhaltigkeit, Innovation, Investition, Wissenschaft, Kultur usw. Im Fall des „Green Deals“ ist grün auch nicht nur eine Farbe.

Aber das ist noch nicht alles. Ein wichtiger Gedanke bei Mouffe/Laclau ist: Im Zentrum eines jeden Projekts steckt ein Konflikt. Die Abwesenheit des Projekts im Leben der Menschen – von der wir vorhin gesprochen haben - ist der Hauptgrund von Konflikten überhaupt. Das heißt: Das NEB muss zwei Dinge können: Es muss den Kampf um die Hegemonie führen (es muss sich durchsetzen können). Es muss in den Alltag der Menschen reinkommen, sonst entsteht ein neuer Konflikt. Aber, was ist eigentlich dieser Konflikt?

Der Konflikt hat etwas mit der Art und Weise zu tun, wie wir die Natur verhandeln. Obwohl wir ständig von „Natur“ sprechen, können wir unmöglich bestimmten, was wir damit genau meinen (es gibt nur „Naturen“ im Plural, die widerspenstig sind und die wir symbolisieren). Der Prozess der Modernisierung schafft stets neue Bedeutungsketten von „Natur“ und führt Schlüsselbegriffe ein („biologisch“, „nachhaltig“, „ökologische Modernisierung“ „nachhaltige Entwicklung“). Begriffe wie „Artenvielfalt“, „Green Deal“, „Öko-Cities“ halten nur bestimmte Bedeutung zusammen, mehr nicht. Die „Natur“ da draußen kümmert das wenig. Irgendwann stellen sich auch die Schlüsselbegriffe als leer heraus. Das ist zB. mit dem Begriff „Nachhaltigkeit“ so, der als Etikette überall drangeklebt wird, auch auf Atomkraftwerke.

Die Kontroversen zum Thema „Natur“ zeigen im Kern unsere Unfähigkeit zeigen, direkte politische, kulturelle oder soziale Strategien zu entwerfen. Das ist ja der Grund, warum Frau Von der Leyen so sehr darauf insistiert, dass das NEB auch ein kulturelles Projekt sein müsse (oder ein soziales, ja sogar ein „politisches“ müsste sie sagen). Wir brauchen diese Strategien, um eine sozio-ökologische Neuorientierung überhaupt möglich zu machen.

… 

Top down oder bottom up: Welcher Ansatz führt zu mehr Signifikanz und warum?

Man sagt den Top-Down-Projekten häufig nach, sie seien wegen der dominanten Entscheidungsmacht nur eingeschränkt kreativ und es würde ihnen an Bürgernähe fehlen.

Der Europäische Ausschuss der Regionen hat wiederholt darauf hingewiesen, dass die großen Krisen nicht von oben, sondern von den Millionen lokalen Akteuren vor Ort gelöst worden seien (zB. die Brände im Mittelmeer, ganz aktuell). Ansätze, die von unten kommen, gesteht man mehr Signifikanz zu, sie finden leichter Akzeptanz, speziell in Zeiten der Politikverdrossenheit. Aber auch die Ansätze von unten werden nicht durchwegs positiv gesehen. Man sagt, es fehle ihnen an Transparenz, Projekte würden ausufern und oft ohne Wirkung bleiben, der Aufwand sei zu groß.

Auf den Mix kommt es an, man sollte sich das Beste aus beiden Welten herauspicken. Das NEB versucht das auch, indem es sich als partizipatives Projekt ins Spiel bringt und doch gleichzeitig von oben kommt.

Im Grund steckt dahinter „ökologische Modernisierung“ – warum ist das problematisch?

Die Frage ist: Wie schafft man den Spagat zwischen so unterschiedlichen Dingen wie Klimapolitik und Modernisierung? Mit der „ökologischen Modernisierung“ findet man eine Kompromissformel (neben „nachhaltigen Entwicklung), mit der es möglich wird zu sagen: Wir können beides gleichzeitig erreichen: Technologischen Fortschritt (Wettbewerb und Produktion, Technologisierung) und ökologischen Wandel. Ulrich Brand nennt diese Zauberformel ein „neues Oxymoron“ (schwarze Schimmel oder SUV und Elektroauto), dh. zwei sich widersprechende Begriffe werden kurzgeschaltet und erzeugen gemeinsam das Wünschenswerte. Vereinfacht gesprochen beinhaltet die „ökologische Modernisierung“ die Botschaft: Macht weiter so wie bisher, den Rest macht die Technik! Mit der Formel “ökologische Modernisierung” entpolitisiert man die Ökologie …

Obwohl wir gebetsmühlenartig in den Medien von Konflikten rund um das Thema Natur oder Klima hören, wird das eigentlich Politische, der zentrale Konflikt, gar nicht verhandelt, sondern an Experten und an das Management delegiert. Der Konflikt wird aus der institutionalisierten Politik extrahiert und das Ökologische wird ent-politisiert. Ich behaupte: Das NEB liefert in Wirklichkeit keine neue Öko-Politik, sondern mit ihm wird das Ökologische ent-politisiert. Das heißt nicht, dass der Konflikt einfach verschwindet, er verlagert sich nur anderswohin. Er verlagert sich auf die Straße. Das ist der Grund, warum sich junge Menschen auf den Asphalt kleben. Es geht um die Frage: Welchen Wandel will man it dem NEB überhaupt erreichen?

In einer Aussendung der EU-Kommission heißt es, elegant formuliert: „Das Neue Europäische Bauhaus wird zeigen, dass auch das Notwendige schön sein kann“. Einerseits weiß man um die Notwendigkeit und man betreibt eine Rhetorik der Alternativlosigkeit, wenn man sagt: Es gibt beim europäischen Projekt keine Alternative zum Einigungsprozess. Es gibt bei der Rettung des Planeten keine Alternative zum Green Deal. Beim Klimawandel wird stets von der Notwendigkeit des großen Wandels gesprochen und von der Notwendigkeit der kollektiven Anstrengung. Die Ökologie selbst kann aber sehr konservativ sein. Timothy Morton nennt sie sogar eine Ideologie in Reinform. Als eine solche verhindert die Ökologie sogar den Wandel nach dem Motto: Am besten, man macht gar keine großen Projekte, weil der Mensch damit die Katastrophe nur noch vergrößert.

Anderseits schließt man aber den radikalen Wandel aus. Schließt das NEB wirkliche Alternativen aus? Kommen relevante Diskurse nicht mehr vor? (zB. „Postwachstumsökonomie“ oder der Ansatz der „reparativen Ökonomie“ usw.)

Man kann nicht einfach sagen, das Neue Bauhaus schließt allen Wandel aus. Das NEB ist ein Baustein des Green Deal. Was ich meine, versteht man, wenn man den Green Deal mit seinen Vorläuferprojekten der EU vergleicht. Also zuerst einmal: Was ist der Green Deal? Der Green Deal ist eine Empfehlung der Kommission, ein Fahrplan (Roadmap), die zeigt, wie man die Ziele der Nachhaltigkeit erreichen kann, wie man Europa dekarbonisiert bzw. wie man bis 2050 emissionsfrei wird. Neben dem Green Deal gibt es eine Reihe weiterer solcher Fahrpläne, die vieles gemeinsam haben. Manchmal hat man sogar den Eindruck, dass hier vieles im Copy-Paste Modus verlaufen ist.

  • Die Roadmaps schließen den grumdlegenden Wandel aus. Man erkennt zwar den Mangel, Aber dieser Mangel ist nicht der fehlenden Wandel in der Umweltpolitik, darüber sprechen die Roadmaps nicht, der Mangel ist lediglich der fehlende Ehrgeiz von Unternehmen, fehlende politische Entscheidungskraft, fehlende Technologie.

  • Oft enthalten die Roadmaps auch Ausweichstrategien: Schwenk nach Afrika: 80% Treibgas-Emission könne man reduzieren, wenn man die Solarenergie in Nordafrika gewinnt. Analog dazu gilt heute: Wenn man den Wasserstoff in Nordafrika produziert („Infrastrukturen der Externalisierung“, Stefan Lessenich / Europa nicht als Friedensprojekt, sondern eine Geopolitik der Infrastrukturen).

  • Es fehlen den Roadmaps Strategien der sozialen und kulturellen Transformation. 

Die EU-Kommissionspräsidentin hat Recht, wenn sie sagt, das NEB müsse ein kulturelles Projekt sein, denn damit kann sie einen Schwachpunkt aller Vorgängerprojekte überwinden. Wie sehr aber kann das NEB ein Umbauprojekt Europas sein? Welchen Wandel lassen wir zu? Disruption oder Transformation?

  • Wir dürfen nicht die grundlegenden europäischen Werte vergessen

  • Wir dürfen nicht die Emanzipationsbewegung der Moderne vergessen, denn das Neue Bauhaus verhält sich zum historischen Bauhaus wie die Zweite Moderne zur Ersten Moderne – um Begriffe von Ulrich Beck zu gebrauchen. Der Modernisierungsprozess verbindet beides miteinander. Wir sind Kinder der Moderne, in der Reflexiven oder Zweiten Moderne werden wir aber direkt mit den Konsequenzen unseres Tuns konfrontiert (mit Klimawandel und anderen Krisen).

  • Wir dürfen nicht die Strategien der sozialen und kulturellen Transformation vergessen. Dh. wir müssen eine grundsätzliche Debatte darüber führen, wie wir die sozio-ökologischen Koordinaten für unseren Alltag setzen.

 …

Inwiefern kann das Neue Europäische Bauhaus einen Kulturwandel anstoßen?

Das NEB kann nicht mehr Avantgarde sein wie sein Vorbild. Man kann nicht sagen, wir wollen Avantgarde sein und gleichzeitig in den Alltag aller Menschen hinein. An wen ist das NEB dann adressiert? Einfach an alle?  

In den Nullerjahren ist in der westlichen Welt ein neues Paradigma aufgetaucht: „Kreativität“. Man heftet den Dingen nicht mehr nur das Etikett „Nachhaltigkeit“ an, sondern auch „Kreativität“: Wir alle müssen dauernd kreativ sein, Unternehmen müssen kreativ sein, die EU auch (es gibt übrigens ein Programm „Kreatives Europa“). Das ist gemeint mit der „Kulturalisierung der Politik“. Meine Meinung ist, dass die Kommissionspräsidentin mit dem Begriff „Kultur“ die Kreativwirtschaft anspricht.

Die Kreativwirtschaft ist keine Avantgarde, sondern Alltag.Das sind die Menschen, die "neue Ideen, neue Technologien oder kreative Inhalte" liefern und damit auch das NEB. Die Kreativwirtschaft, das ist das Millionenheer von Menschen, die vielfach in prekären Arbeitsverhältnissen stecken (Beispiel: Architekturwettbewerb in Bozen, wo sich 400 Büros für eine relativ banale Bauaufgabe an einem Wettbewerbt beteiligt haben) … Bauindustrie und Kreativwirtschaft

Einen Kulturwandel wird das NEB anstoßen können, wenn es die geeigneten Strategien zur kulturellen Transformation anbietet und – wie im Fall der Ökologie – den Konflikt verhandelt.    

Hier geht’s zu ORF Science

Hier geht’s zum Podcast

Hier geht’s zum ganzen Text